Trigger-Warnung: Der folgende Artikel beschäftigt sich in erster Linie mit frühkindlichen traumatischen Erfahrungen und deren Verbindung mit funktionellen Darmsymptomen im Erwachsenenalter. Obwohl ich nicht explizit auf verschiedene Traumata eingehen werde, könnte allein die persönliche Auseinandersetzung mit den hier behandelten Themen bei Betroffenen Erinnerungen und damit verbundene starke Emotionen auslösen.
Kämpfst du aktuell mit den Folgen einer traumatischen Erfahrung? Dann solltest du dich nicht scheuen, einen kundigen Psychotherapeuten bzw. eine örtliche Beratungsstelle aufzusuchen, oder die Telefonseelsorge Deutschland zu kontaktieren.
Inhalt: Traumata, veränderte Hirnstrukturen und RDS, CFS und Co.
- 75% bis 90% der Reizdarmpatienten berichten traumatische Erfahrungen in ihrer Kindheit und Jugend.
- Psychische Gewalt und Mobbing beeinflussen den Reizdarm stärker als sexueller und körperlicher Missbrauch.
- Überaktive Amygdala, unterwürfiger präfrontaler Cortex: Neurobiologische Grundlagen traumatischer Erfahrungen.
- Trauma und Reizdarm: Das kannst du als Betroffener tun.
- Wissenschaftliche Referenzen
Patienten mit Reizdarm berichten deutlich häufiger über traumatische Erfahrungen
Aber wie, verflixt noch einmal, passte diese wahre Flut an traumatischen Ereignissen und Erinnerungen in dieses Bild?
Wie es meiner Natur entspricht, versuchte ich diese Frage zuerst einmal systematisch und wissenschaftlich zu beantworten. Und siehe da: Die vorhandenen wissenschaftlichen Daten bestätigten meine individuellen therapeutischen Beobachtungen! Im Folgenden möchte ich dir einen kleinen Überblick verschaffen, wie charakteristisch dieses Phänomen für die auf diesem Blog thematisierten Erkrankungen wirklich ist. Aus Gründen der Übersichtlichkeit und Verständlichkeit widmen wir uns als erstes exemplarisch dem Reizdarmsyndrom.
- Sexueller Missbrauch
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- Reizdarmbetroffene berichten in zahlreichen Studien etwa doppelt so hohe Raten sexuellen Missbrauchs wie gesunde Kontrollpersonen. In einer Erhebung der Universität Los Angeles betrugen die Prävalenzen bspw. 31,2% vs. 17,9%[1].
- Patienten mit einem Reizdarmsyndrom berichten allerdings auch deutlich häufiger über sexuellen Missbrauch in Kindheit und Jugend als Betroffene mit vergleichbaren Erkrankungen. So lagen die Raten in einer texanischen Untersuchung bei 37,9% (Reizdarm), 9,1% (Crohn & Colitis) und 11,6% (andere gastrointestinale Erkrankungen).
- Emotionale Misshandlung und Vernachlässigung
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- Reizdarmpatienten geben signifikant häufiger an, als Kinder oder Jugendlich Opfer psychischer Gewalt (emotionaler Missbrauch, Vernachlässigung, Mobbing etc.) geworden zu sein. In einer viel beachteten Studie lag die Prävalenz bei 55% gegenüber 27% unter gesunden Kontrollpersonen[1].
- Allgemeine Traumabelastung
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- 75% bis 90%(!) aller Reizdarmbetroffenen berichten über mindestens eine traumatische Erfahrung in der Kindheit[3][4]. Erschwerend hinzu kommt, dass viele Patienten angeben, multiple traumatische Erfahrungen gemacht zu haben.
Du solltest in diesem Kontext unbedingt beachten, dass der Begriff "Trauma" keineswegs ausschließlich verschiedene Formen des Missbrauchs umfasst. Letztere und ihre Konsequenzen wurden in der Wissenschaft lediglich besonders häufig erforscht. Aber auch der frühe Verlust eines geliebten Menschen, ein Unfall oder Überfall, Flucht und Vertreibung oder auch das Zusammenleben mit einer psychisch-kranken Person können traumatische Erfahrungen sein. So hatte in einer systematischen Interview-Studie annähernd jeder dritte Teilnehmer mit einem Reizdarmsyndrom in der Kindheit einen Elternteil durch Tod oder Trennung unwiederbringlich verloren. Knapp zwei Drittel der Befragten berichteten weiterhin ungünstige familiäre Beziehungen und immerhin jeder Fünfte über das Zusammenleben mit einer suchtkranken Person[5][6]. Weitere Studien zeigten signifikante Zusammenhänge zwischen der Erkrankung und dem Aufwachsen mit psychisch kranken oder inhaftierten Familienmitgliedern auf[7].

Auch Betroffene von CFS/ME, Fibromyalgie und MCAS berichten gehäuft über traumatische Kindheitserfahrungen
So berichteten Patientinnen mit Fibromyalgie gegenüber weiblichen Betroffenen von rheumatoiden Erkrankungen eine deutlich erhöhte Prävalenz sexuellen Missbrauchs in der Kindheit (37% vs. 22%). Auch die Raten für körperliche Misshandlungen und sexuelle Übergriffe im Erwachsenenalter unterschieden sich signifikant (drei- bis vierfache Werte unter Fibro-Patientinnen)[8]. In einer spanischen Studie hatten 84% der Fibromyalgiepatienten mindestens eine traumatische Erfahrung durchlebt, ein großer Teil davon in der Kindheit und Jugend[9]. 64% der Probanden schilderten emotionalen Missbrauch, 63% emotionale Vernachlässigung und 49% sexuellen Missbrauch. Sage und schreibe 72% der Patientinnen erfüllten die Kriterien für die Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).
Und ganz ähnliche Befunde lassen sich auch für das Chronische Erschöpfungssyndrom anführen. Eine belgische Erhebung fand etwa ungewöhnlich hohe Prävalenzen traumatischer Kindheitserfahrungen (55%) unter CFS-Probanden[10]. Hierbei stach insbesondere die psychische Gewalt hervor (47%). Der Großteil der Betroffenen war in der Kindheit mit gleich mehreren Traumata konfrontiert. In einem Review fasste das King´s College London die Erkenntnisse aus 20 Jahren Forschung zu dem Thema so zusammen: Es existiert ein starker Zusammenhang zwischen traumatischen Stressbelastungen in der Kindheit und den Erkrankungen CFS und Fibromyalgie. Betroffene mit entsprechenden Vorbelastungen haben ein bis zu dreifach erhöhtes Risiko, später im Leben an einem Chronischen Erschöpfungssyndrom zu erkranken[11]. Dieses Risiko kann allerdings auch, und zwar abhängig vom Traumatyp, bis auf das achtfache ansteigen[12].
Kindheitstraumata wirken sich direkt auf die Intensität der Symptome aus
Gleiches lässt sich auch für die anderen funktionellen Syndrome konstatieren: So waren etwa die Trauma-Scores von Fibromyalgiepatientinnen mit deren aktueller Schmerzintensität und -frequenz assoziiert, welche wiederum Schlafstörungen, Ängste, depressive Verstimmungen und Selbstmordgedanken vorhersagten[9]. Kaum überraschend korrelierten die berichteten Kindheitstraumata dann auch mit einer stark herabgesetzten Lebensqualität im Erwachsenenalter.
Im Falle von CFS/ME waren traumatische Erfahrungen graduell (mehr und intensivere Traumata = stärkere Beschwerden) mit allen relevanten CFS-Symptomen, Ängsten, Depressionen und posttraumatischen Belastungen assoziiert[12]. Insbesondere berichteter emotionaler Missbrauch und emotionale Vernachlässigung waren dazu geeignet, Patienten mit einem Chronischen Erschöpfungssyndrom von gesunden Kontrollpersonen zu unterscheiden[13]. Interessanterweise zeigten CFS-Betroffene mit Traumaerfahrungen gegenüber Erkrankten ohne Traumata in der Vergangenheit deutlich herabgesetzte morgendliche Cortisolwerte. Ein erster Hinweis auf biopsychopathologische Mechanismen, die uns später noch ausführlicher beschäftigen werden.
Prävention ist oft wirkungsvoller und einfacher als Therapie
Zuerst einmal bleibt jedoch festzuhalten: Betroffene von Reizdarm, CFS/ME, Fibromyalgie und vergleichbaren Syndromen geben signifikant häufiger an, traumatische Erfahrungen in ihrer Kindheit und Jugend gemacht zu haben. Ein Großteil der Patienten beschreibt multiple Belastungen mit stark erhöhten Trauma-Scores. Diese negativen Erfahrungen sind mit einem moderat bis stark erhöhten Risiko für die genannten Erkrankungen assoziiert. Das Ausmaß und die Art des Traumas nehmen Einfluss auf die Häufigkeit und Schwere der späteren Symptome (Erschöpfung, Bauchschmerzen, Gelenk- und Muskelschmerzen usw.)
Bevor wir uns später auch mit Optionen der Therapie beschäftigen werden, möchte ich noch kurz ein Wort an Eltern, Betreuer und alle verantwortungsbewussten Bürger richten: Prävention ist in der Regel viel einfacher als Therapie! Greif bitte frühzeitig ein, wenn du Hinweise auf Missbrauch, Mobbing oder Verwahrlosung erhältst oder entsprechende Dinge beobachtest. Zeige Zivilcourage und scheue dich auch nicht, Lehrer, Erzieher oder Behörden zu informieren. Hast du selbst Kinder, dann triff Vorsorge, dass Räume wie der Sportverein, die Schule oder das Internet nicht zu Tatorten werden können.
Du hast die Zahlen gelesen. Wir als Gesellschaft müssen wachsam sein, um das Ausmaß traumatischer Erfahrungen einzudämmen und so vielen Kindern wie möglich ein solch belastendes Erlebnis als auch die geschilderten Konsequenzen zu ersparen. Hierzu braucht es Aufklärung, Wachsamkeit und auch mehr Mut und Tatkraft unsererseits!
Die besondere Rolle von psychischer Gewalt und Mobbing in der Erkrankungsspirale des Reizdarmsyndroms

Bei der statistischen Analyse meiner Daten musste ich dann allerdings verwundert feststellen, dass sexueller und körperlicher Missbrauch, entgegen meiner Hypothese, nicht signifikant mit der Intensität und Häufigkeit der Darmbeschwerden assoziiert waren. Psychische Gewalt und Mobbing erhöhten hingegen stark den Schweregradscore sowie die Anzahl und Heftigkeit der Symptome. Für mich war dieses Ergebnis beinahe kontraintuitiv, da ich davon ausging, dass besonders schwere Traumata (wie der sexuelle Missbrauch) sich auch stärker auf die viszerale Sensitivität (Schmerzempfindlichkeit des Magen-Darm-Traktes), die Hirn-Mikrobiom-Darm-Achse sowie das Autonome Nervensystem auswirken sollten. Doch irgendetwas schien den emotionalen Übergriffen in der Kindheit und Jugend zu Eigen zu sein, das gerade sie zum Brandbeschleuniger einer chronischen Magen-Darm-Symptomatik macht.
Meine diesbezüglichen Ergebnisse werden übrigens durch zahllose weitere wissenschaftliche Analysen untermauert: So war das Erleben von psychischer Gewalt auch in der UCLA-Studie unter Leitung von Dr. Kara Bradford der mit Abstand bedeutendste Prädiktor für die Entwicklung eines Reizdarmsyndroms im Erwachsenenalter und überholte somit auch hier die negativen Konsequenzen körperlichen und sexuellen Missbrauchs - zumindest, was chronische Darmerkrankungen betrifft[1].
Schwedische Studie belegt: emotionaler Missbrauch erhöht das Reizdarm-Risiko um 600%!
- Alle erfassten Traumatypen waren unter Frauen mit einem Reizdarmsyndrom stark überrepräsentiert. Einige Beispiele:
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- Sexueller Missbrauch - 15% RDS vs. 3% Nicht-RDS
- emotionale Vernachlässigung - 39% RDS vs. 23% Nicht-RDS
- emotionale Missbrauch - 36% RDS vs. 8% Nicht-RDS (also 4,5mal häufiger!)
- Traumata allgemein erhöhten das Risiko für die Entstehung eines Reizdarmsyndroms im Erwachsenenalter.
- Traumata allgemein sagten eine stärkere symptomatische Belastung (Severity Scores) vorher.
Doch die Studie förderte auch einige neue Erkenntnisse zutage:
- Nur emotionaler, nicht aber sexueller Missbrauch erhöhte das Risiko für die Erkrankung Reizdarmsyndrom signifikant.
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- Diese Steigerung des Risikos war allerdings massiv: Frauen, welche in ihrer Vergangenheit Opfer von emotionalen Übergriffen geworden waren, litten später sechsmal häufiger an ausgeprägten Reizdarmbeschwerden.
- Opfer emotionalen Missbrauchs berichteten signifikant häufiger über intensivere und länger anhaltende Bauchschmerzen, starken Stuhldrang sowie Ängste und depressive Verstimmungen.
Die schwedischen Forscher ziehen das Fazit, dass aufgrund der sich immer weiter verdichtenden Evidenz routinemäßige Erhebungen traumatischer Kindheitserlebnisse bei Fachärzten angezeigt seien und das betroffenen Patienten mit einem Reizdarmsyndrom angemessene psychotherapeutische und psychopharmakologische Hilfe angeboten werden müsse, um die oft herausfordernde Therapie der chronischen Darmsymptome zu optimieren.
Zum letzten Punkt möchte ich anmerken, dass meines Wissens bisher keine Studien existieren, welche untersuchen würden, wie sich Kindheitstraumata auf den Behandlungserfolg beim Reizdarmsyndrom auswirken. Eines ist jedoch glasklar: Reizdarmbetroffene mit depressiven Verstimmungen oder Ängsten reagieren schlechter oder kaum auf ansonsten wirksame Behandlungsansätze (z.B. Ernährungstherapien)[15]. Und Patienten, die über Kindheitstraumata berichten, haben eben auch sehr häufig höhere Depressions- und Angstscores ...
Bevor wir uns aber bald mit möglichen Lösungsansätzen beschäftigen werden, muss ich dir noch einige biopsychologische Zusammenhänge schildern, damit du besser nachvollziehen kannst, warum genau die empfohlenen Interventionen sinnvoll sind.
Kindheitstraumata und das menschliche Gehirn: neurobiologische Grundlagen
Das Er- und Überleben schwerer Kindheitstraumata führt zu nachhaltigen Veränderungen der Struktur und Funktion stresssensibler Hirnareale. Besonders herauszuheben sind in diesem Kontext drei zentrale Bereiche des menschlichen Gehirns:
- der Hippocampus
- der präfrontale Cortex
- die Amygdala (Mandelkern)
Eine ungestörte Kommunikation dieser Hirnareale untereinander ist unerlässlich für die zukünftige Wahrnehmung, Erinnerung und Interpretation psychischen Erlebens.
| Hippocampus | Präfrontaler Cortex | Amygdala |
|
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Traumatische Erlebnisse in sogenannten sensiblen Phasen stören die fein ausgewichtete Kommunikation zwischen diesen Hirnarealen und verhindern korrekte Einordnungen und Verarbeitungen von wahrgenommenen, zugeschriebenen und bewerteten Informationen. Es kommt zu Fehlinterpretationen von Umgebungsreizen (Orte, Situationen, Personen etc.) und einem dauerhaft aktivierten Flucht-oder-Kampf-Modus.
Die Amygdala als emotionale Schalt- und Alarmzentrale kann sich strukturell vergrößern, verfügt dann über eine höhere Reizbarkeit und eine noch stärkere Konnektivität mit anderen Hirnarealen, was zu überwiegend emotionalen Bewertungen von Situationen und Erinnerungen führt[17].
Und hier kommt ein weiterer zentraler Player ins Spiel: Die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse), im Deutschen meist Stressachse genannt. Die direkten Verbindungen und Feedbackschleifen zwischen den drei Arealen sind die wichtigsten Regulatoren der hormonellen Stressreaktion. Sie nehmen somit Einfluss auf zahlreiche essenzielle Körperfunktionen:
- Verdauung
- Immunabwehr
- Emotionen und Stimmungslage
- sexuelles Verlangen
- Energiehaushalt
Beim Reizdarmsyndrom liegen deutliche Hinweise darauf vor, dass die Funktionen der HPA-Achse nicht mehr normgerecht sind bzw. die Aktivierung der Stressreaktion bei akuten Reizen überschießt und sich auch über einen längeren Zeitraum nicht mehr beruhigt[18][19].
Konsequenterweise finden wir unter RDS-Patienten krankhafte Veränderungen auf allen oben gelisteten Ebenen: So berichten die Betroffenen nicht nur über die charakteristischen Verdauungsbeschwerden, sondern eben auch über zahlreiche sexuelle Funktionsstörungen, vermindertes sexuelles Verlangen, ausgeprägte Stimmungsschwankungen und chronische Erschöpfung bzw. Fatigue (siehe hierzu auch die verlinkten ausführlichen Artikel für mehr Details)[20][21].
Eine erhöhte Alarmbereitschaft deines Gehirns (= vergrößerte, sensiblere und kommunikativere Amygdala) aktiviert nun bei tatsächlichen oder lediglich antizipierten(!!!) Bedrohungen (beim Reizdarmsyndrom etwa auch des Selbstwertes) regelmäßig deine Stressachse, was zuerst zu einem Überschuss an Glucocorticoiden (z.B. des Stresshormons Cortisol) führt. Systematische Messungen bestätigen mitunter stark veränderte Cortisolprofile bei Patienten mit einem Reizdarmsyndrom[22] und einen verzögerten Abbau des Stresshormons nach akuten Triggern[19].
Bist du in deiner Vergangenheit Opfer von traumatischen Erlebnissen geworden, dann musst du dir diesen Mechanismus noch einmal potenziert vorstellen, da deine HPA-Achse dann bereits in ihrer Entwicklung geschädigt wurde - eine chronische Stressreaktion auf Steroiden sozusagen[23].

Nicht jeder RDS-Patient hatte ein Trauma, nicht jeder Trauma-Betroffene bekommt einen Reizdarm (GxE)
Und zum Teil haben sie damit natürlich auch Recht! Wir brauchen kein Kindheitstrauma um Reizdarmbeschwerden zu erzeugen. Dafür reichen einige gezielte gastrointestinale Infektionen, eine Dünndarmfehlbesiedlung oder das Sensibilisieren auf verschiedene Nahrungsmittelantigene[24][25].
Auf der anderen Seite entwickelt auch nicht jedes Kind, welches ein schreckliches Erlebnis überstehen musste, eine somatische funktionelle oder auch psychiatrische Störung.
Wie passt das also alles zusammen?
In erster Linie benötigen wir hier etwas wissenschaftliches Denken, da wir mit Wahrscheinlichkeiten operieren müssen - was leider vielen Menschen nicht so gut von der Hand geht. Traumatische Erlebnisse in der Kindheit und Jugend prädestinieren die Opfer im Allgemeinen für die Entstehung von Erkrankungen wie dem Reizdarmsyndrom. Mehrere Faktoren nehmen allerdings Einfluss auf dieses individuelle Risiko:
- die Traumakategorie (bspw. Verlust eines geliebten Menschen vs. sexueller Missbrauch)
- der Zeitpunkt des Traumas (Hirnareale reifen nicht gleichmäßig und haben "sensible Phasen", die sie in dieser Zeit besonders verletzlich machen)
- Bewältigungsmöglichkeiten und -stile
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- familiäre bzw. soziale Unterstützung
- medizinische und psychologische Hilfe
- Wechsel in eine sichere(re) Umgebung
- Persönlichkeitsfaktoren
- genetische Voraussetzungen (Genes x Environment)
Sicher kennst du das Argument von Rauchern, diese hätten einen Onkel, Opa etc., der sein ganzes Leben lang Kette geraucht habe und trotzdem kerngesunde 104 Jahre alt geworden sei. Und tatsächlich kenne auch ich persönlich solche Ausreißer aus der Statistik: Meine Urgroßmutter passierte mühelos die 100er-Marke und überlebte ihre Söhne und Schwiegertöchter, ohne sich - drücken wir es einmal vorsichtig aus - allzu sehr um einen gesunden Lebensstil zu bemühen. Solche Sonderfälle ändern aber nichts an epidemiologischen Trends, welche nun einmal glasklar und inzwischen auch kausal belegen, dass etwa das Rauchen den allergrößten Teil der Menschheit Lebensjahre kostet und das Risiko für verschiedene Erkrankungen erhöht.
Und ganz ähnlich verhält es sich bei den Kindheitstraumata, dem Reizdarmsyndrom und den anderen funktionellen Syndromen. Die Zusammenhänge sind extrem komplex und facettenreich:
- Ein solches Trauma kann hinreichend sein, um auf direktem Wege einen Reizdarm zu verursachen (Amygdala, HPA-Achse, Mikrobiom).
- Es kann aber auch als Brandbeschleuniger wirken, da bei den oben genannten biologischen Ursachen (Infektion, Allergie usw.) immer auch psychologische Risikofaktoren wirken. So verstärkt psychologischer Stress während einer Magen-Darm-Infektion das Risiko für die Entstehung des Reizdarms.
- Auch Menschen ohne Traumahintergrund oder psychische Herausforderungen können natürlich einen Reizdarm bekommen und benötigen mitunter eine andere therapeutische Herangehensweise.
Einige Forschergruppen schlagen aufgrund dieser komplexen Bezüge vor, dass RDS-Patienten mit traumatischen Erlebnissen als eine spezifische Subgruppe der Erkrankung Reizdarmsyndrom betrachtet werden sollten und damit gehe ich persönlich d´accord.
Zum Abschluss dieses Abschnitts möchte ich noch kurz auf die Rolle der genetischen Stressresilienz eingehen. Ein Gen, das hierbei besonders im Fokus des Interesses steht, ist FKBP5. Letzteres steuert die Sensitivität von Glucocorticoid-Rezeptoren. Bestimmte Varianten des Gens vermitteln eine herabgesetzte Rezeptoren-Sensitivität und begünstigen dadurch überschießende und lang anhaltende Stressreaktionen sowie erhöhte Konzentrationen von Stresshormonen auch ohne tatsächlich vorliegende Bedrohungen[26].
Die dauerhaft erhöhten Konzentrationen von Cortisol und Co. stören nun die Genexpression und Proteinsynthese verschiedener Hirnareale, insbesondere aber jene des Hippocampus und des Präfrontalen Cortex und vermindern gleichzeitig die Konnektivität zwischen diesen beiden essentiellen Hirnarealen.
Die Neuroplastizität und Ausdifferenzierung des menschlichen Gehirns kann also in der sensiblen Phase der Kindheit (Hirnwachstum) durch eine enorme akute oder chronische Stressbelastung (=traumatisches Ereignis) gestört werden. Polymorphismen verschiedener Gene (z.B. FKBP5) moderieren nun wiederum die Heftigkeit der hormonellen Reaktionen auf das Trauma. Und heute verfügen wir über ausreichend Evidenz, dass genetische Prädiktoren robust die auf ein Trauma zurückzuführenden Symptome in der Zukunft voraussagen[27][28].
Du siehst also: Die simple Gleichung Kindheitstrauma = Reizdarmsyndrom/CFS/etc. geht nicht auf, aber die direkten und indirekten Verbindungspfade sind schon sehr evident.
Kindheitstrauma und chronische Darmbeschwerden: Was können Betroffene tun?
Zuerst einmal würde ich den RDS-Betroffenen mit Traumahintergrund raten, die typischen Therapieempfehlungen zu befolgen, die ich hier auf dem Blog und auch systematisch geordnet in meinem Buch "Dein Reizdarm ist heilbar!" zusammengefasst habe. Alles, was das Mikrobiom verbessert, die lokale Immunaktivierung im Darm dämpft, die Mastzellen und Eosinophilen stabilisiert, die Darmbarriere fördert und die Hirn-Mikrobiom-Darm-Achse reguliert, wird auch Patienten mit traumatischen Erfahrungen zu einem besseren Bauchgefühl verhelfen.
Darüber hinaus würde ich diesen Betroffenen aber noch einige spezifische Maßnahmen zur Optimierung ihrer Therapie ans Herz legen. Die oben geschilderten neurobiologischen Zusammenhänge zeigen dir bereits einige Ansatzpunkte für mögliche Interventionen. So könntest du etwa gezielt an der Übererregbarkeit der Amygdala arbeiten oder aber versuchen, deine Stressachse zu befrieden. Beides ist laut wissenschaftlichen Untersuchungen gut möglich und eben auch hilfreich!
Psychotherapie verändert dein Gehirn funktionell und strukturell
- beruhigt die übersteigerte Reaktivität der Stressachse
- vermindert die Überaktivität der Amygdala
- verstärkt die Aktivität des Hippocampus und des präfrontalen Cortex
- verbessert die Kommunikation zwischen Amygdala und dem kognitiven (rationalen) Kontrollnetzwerk
... und ermöglicht dadurch weniger emotionsgetriebene Bewertungen und Interpretationen von Wahrnehmungen und Kognitionen und deren Auswirkungen auf Immun- und Hormonsystem, Körpergewebe und auch Mikroorganismen (bpsw. der Darmflora).
Darüber hinaus zeigen mehr und mehr Studien, dass eine Psychotherapie die entsprechenden Hirnareale nicht nur funktional, sondern auch strukturell normalisiert. So vermindert die Kognitive Verhaltenstherapie das Volumen der Grauen Substanz der Amygdala bei der Behandlung von Angstpatienten[32] oder erhöht es bei der Therapie depressiver Verstimmungen[33]. Eine Psychotherapie kann veränderte Hirnareale also tatsächlich wachsen oder schrumpfen lassen, wie sportliches Training Muskeln oder Fettgewebe! Ist das nicht großartig?
Ein Ratschlag lautet also, sich einen geschulten Psychotherapeuten zu suchen, der Erfahrung im Umgang mit Traumata hat und sich dementsprechend auch mit den häufig assoziierten psychosomatischen Beschwerden auskennt. Du kannst ihn oder sie in den probatorischen Sitzungen gern gezielt danach fragen.
Achtsamkeitsmeditation als barrierearmer Zugang mit vergleichbaren Effekten

Die nächstbeste Alternative ist hier die Achtsamkeitsmeditation bzw. verschiedene, damit verbundene Techniken. Achtsamkeitsbasierte Therapien sind nicht nur effektiv bei der Begleitung von Traumapatienten[34], sondern erzielen vergleichbare funktionale und strukturelle Veränderungen wie eine klassische Psychotherapie[35]. Die tägliche Meditation bzw. das Üben von Achtsamkeit kann also bspw. deine vergrößerte und überaktive Amygdala ebenfalls beruhigen und schrumpfen lassen.
Im Gegensatz zur traumazentrierten Psychotherapie hat sie aber zwei klare Vorteile:
- Achtsamkeitstraining ist jedem Menschen jederzeit frei zugänglich.
- Es ist keine direkte Auseinandersetzung mit traumabehafteten Inhalten, Erinnerungen etc. nötig.
Gerade der letzte Punkt kann ein wahrer Segen für Traumapatienten sein, welche sich der Beschäftigung mit dem traumatischen Erlebnis nicht gewachsen fühlen. Die neurobiologischen Ergebnisse sind vergleichbar und auch die symptomatischen Verbesserungen sprechen eine eindeutige Sprache. So vermindert die Mindfulness Based Stress Reduction Methode (MBSR) nachhaltig die Darmbeschwerden von Patienten mit einem Reizdarmsyndrom, verbessert deren Lebensqualität und lindert ihre Ängste, Stressbelastungen und Depressionen[36][37][38].
Solltest du also unter Reizdarmbeschwerden (aber auch CFS, Fibro etc.) leiden und gleichzeitig in deiner Vergangenheit eine traumatische Erfahrung gemacht haben, führt eigentlich kein Weg an einem täglichen Praktizieren von Achtsamkeit vorbei.
Also zeig deiner Amygdala wo der Hammer hängt! :)
Du möchtest Achtsamkeit trainieren? Meine persönlichen Helfer:
Was soll ich hierzu groß erzählen? Warum sollte man sich mit einer Kopie zufrieden geben, wenn man den Meister selbst lesen/hören kann? Jon Kabat Zinn, Molekularbiologe, Professor, ist Begründer der MBSR-Methode und begleitet diese seit 1979 klinisch und wissenschaftlich, um das evidenz-basierte Verfahren in der medizinischen Praxis zu verankern.
Biofeedback-Verfahren zur Verstärkung der heilsamen Wirkung von Psychotherapie & Meditation
Doch insbesondere was die Psychotherapie betrifft, stehe ich einigen psychophysiologischen Verfahren deutlich offener gegenüber. Das hat vor allem damit zu tun, dass viele meiner Patienten nicht wirklich ein gutes Gespür für ihre Emotionen und damit verbundene körperliche Phänomene hatten. Mehr als die Hälfte der Patienten mit einem Reizdarmsyndrom zeigt eine verminderte Fähigkeit, Emotionen zu spüren, zu benennen und zu beschreiben[41]. Eine Persönlichkeitseigenschaft, die unter dem Namen Alexithymie geführt wird und welche mit heftigeren Beschwerden und einer noch einmal stärker verminderten Lebensqualität beim Reizdarmsyndrom assoziiert ist.
Dies führt oft dazu, dass gerade meine Patienten mit RDS (aber auch CFS und Co. - für welche ähnliches gilt[42]) Schwierigkeiten hatten, psychische und körperliche Spannungszustände frühzeitig zu identifizieren und letztlich auch zu beeinflussen. Und gerade für diese Patienten können sogenannte Biofeedback- und/oder Neurofeedback-Verfahren ein wahrer Segen sein.
Grundlegend geht es darum, dem Gehirn ein Feedback zu verschaffen, in welchem Zustand sich das Vegetative Nervensystem gerade befindet. Für viele meiner Patienten war der Flucht-oder-Kampf-Modus so präsent, dass er für sie beinahe zum Normalzustand geworden war.
Auch mir ging es auf dem Höhepunkt meiner MCAS-Geschichte, nach zahlreichen Synkopen und spontanem Erbrechen ähnlich: Nahezu jeder Termin wurde für mich zu einer spannungsgeladenen Unternehmung. Mein Gehirn scannte meinen Körper im Supermarkt auf mögliche Gefahrensignale und Frühwarnzeichen, schickte mir in der Praxis Bilder von möglichst ungünstigen Szenarien usw. Der überaktivierte Sympathikus brachte mich beinahe an den Rand eines Nervenzusammenbruchs und quälte zusätzlich mein Immunsystem. Selbst während ich meditierte (oder zumindest so tat), rasten meine Gedanken und verspannte sich mein Kiefer ...
Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, ist das Biofeedback ideal. Es nutzt verschiedene physiologische Parameter (Herzratenvariabilität, Hautleitwerte, Hauttemperatur, Atemfrequenz, Blutvolumen, Muskelspannung etc.), um dem Anwender An- oder eben Entspannung zu signalisieren und trainiert dadurch die Fähigkeit des Gehirns, Einfluss auf Spannungszustände zu nehmen. Biofeedback hat sich bei der Begleitung von Traumapatienten bewährt[43][44] und eignet sich hervorragend als Ergänzung zum Achtsamkeitstraining, indem es dessen Effekte noch einmal potenziert und den Übenden einen schnelleren Einstieg ermöglicht[45].
Und passend zu diesen Erkenntnissen reduzieren 15 Minuten Biofeedback-Training täglich die Darmbeschwerden und psychischen Begleiterscheinungen des Reizdarmsyndroms[46][47][48]. Besonders geeignet für die Therapie des Reizdarmsyndroms sind Biofeedback-Sensoren und Apps, welche die Herzratenvariabilität (HRV) erfassen und zu modulieren versuchen. Dies gilt insbesondere für Reizdarm-Patienten mit einer vergangenen traumatischen Erfahrung und/oder psychischen Begleitsymptomen[49].
Jetzt bist du an der Reihe!
Wenn du es bis an diesen Punkt des ellenlangen Artikels geschafft hast, solltest du jetzt nicht nur eine Idee davon haben, wie und warum traumatische Kindheitserfahrungen und das Reizdarmsyndrom zusammenhängen, sondern auch die wichtigsten Strategien kennen, um deinem persönlichen Drachen zu begegnen! Dass ein Sieg über diese Bestie auch viele Jahre nach dem Vorfall möglich ist, zeigen zahlreiche Erfolgsgeschichten und auch Studien[50].
Tu mir also bitte einen Gefallen, ja? Beginne auch du damit, deine persönliche Heldengeschichte zu schreiben!
Dafür wünsche ich dir alles Gute und Liebe
Thomas
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Abbildungsverzeichnis
Abb1
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