Ein Jahrzehnt nach dem Glutenhype - Was sagt die Wissenschaft zur Glutensensitivität?

Fühlst du dich auch manchmal bei der Auswahl deiner Lebensmittel  überfordert? Zahlreiche Bücher und Influencer legen uns nahe, auf bestimmte Inhaltsstoffe streng zu verzichten. Gluten galt lange Zeit als Oberbösewicht - aber  ist das gerechtfertigt?
Fühlst du dich auch manchmal bei der Auswahl deiner Lebensmittel überfordert? Zahlreiche Bücher und Influencer legen uns nahe, auf bestimmte Inhaltsstoffe streng zu verzichten. Gluten galt lange Zeit als Oberbösewicht - aber ist das gerechtfertigt?

Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. 2001 veröffentlichte ein Wissenschaftler-Team um Professor Wahnschaffe (FU Berlin) eine Arbeit, welche sich mit "Zöliakie-ähnlichen Besonderheiten in einer Subgruppe von Patienten mit dem Reizdarmsyndrom" auseinandersetzte. In dieser Studie zeigten 35% der untersuchten RDS-Patienten eine genetische Prädisposition für eine Zöliakie und immerhin 30% Zöliakie-assoziierte Antikörper im Blut. Nach einer glutenfreien Kost verminderten sich dann sowohl die Krankheitsmarker, als auch die Stuhlfrequenz. 

Untermauert wurden diese Ergebnisse dann 2007 noch einmal durch Wahnschaffe und sein Team an der Uni Greifswald. In ihrer Studie "Prädiktoren für ein klinisches Ansprechen auf eine glutenfreie Kost bei Patienten mit durchfallbetontem Reizdarmsyndrom" demonstrierten die Forscher nicht nur, dass die Zöliakie-ähnlichen Veränderungen spezifisch für das Reizdarmsyndrom sind (bspw. im Gegensatz zu den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen), sondern erreichten durch eine sechs Monate andauernde glutenfreie Intervention sage und schreibe eine Erfolgsquote von 60%. Hierbei spreche ich wohlgemerkt nicht von klassischen Definitionen für Responder/Non-Responder, wie sie häufig in pharmakologischen Studien genutzt werden. Tatsächlich reduzierten sich sowohl  der globale Symptomscore (Bauchschmerzen, Blähungen etc.) als auch die Stuhlfrequenz (vorher Durchfall) bis in den Rahmen gesunder Vergleichspersonen. Es ist also gerechtfertigt, von einer Remission oder sogar Heilung des Reizdarmsyndroms zu sprechen!

Diese Befunde wurden inzwischen mehrfach repliziert (u.a. Aziz et al., 2016; Barmeyer et al.,2017; Zanwar et al., 2016). Auch die Mechanismen, welche hinter den durch das Gluten ausgelösten Symptomen beim Reizdarmsyndrom stecken, sind heute teilweise bekannt. So vermitteln u.a. das Enzym MLKK und das Protein Claudin 15 Veränderungen der Darmbarriere (Wu et al., 2017). Auch die gastrointestinale Transitzeit wird durch das Gluten negativ beeinflusst (Vazquez-Roque et al., 2011).  

 

Für Patienten mit einem Reizdarmsyndrom und vorwiegend Durchfall oder gemischter Symptomatik (Durchfall und Verstopfung im Wechsel) gibt es also sehr vielfältige und vor allem wissenschaftlich begründete Argumente, sich einer glutenfreien Diät zu verschreiben. Auch wenn man dabei einige Dinge beachten sollte (Mikrobiom/Bifidobakterien, FODMAPs usw.)

 

Dies predige ich nun schon seit vielen Jahren meinen Klienten mit großem Erfolg. Doch parallel nahm eine Entwicklung ihren Lauf, welche Anwender und vor allem ihre Angehörigen, Ärzte und Ernährungsberater massiv involvierte und verunsicherte ... 

 

mehr lesen

Reizdarm und Erschöpfung - Wie beides zusammenhängt

Erschöpfung ist das am dritthäufigsten berichtete Symptom des Reizdarmsyndroms. Dennoch wird der bleiernen Müdigkeit und Abgeschlagenheit in Arztpraxen und in der Wissenschaft relativ wenig Beachtung geschenkt. Dabei lassen sie sich gut behandeln.
Erschöpfung ist das am dritthäufigsten berichtete Symptom des Reizdarmsyndroms. Dennoch wird der bleiernen Müdigkeit und Abgeschlagenheit in Arztpraxen und in der Wissenschaft relativ wenig Beachtung geschenkt. Dabei lassen sie sich gut behandeln.

Sprechen Ärzte oder nicht-betroffene Personen über das Reizdarmsyndrom, werden schnell und nahezu ausschließlich die gastrointestinalen Beschwerden thematisiert. Sie reden dann von Durchfall, Verstopfung, Bauchschmerzen und Blähungen. Unter Umständen schenken sie auch Übelkeit oder psychischen Begleiterkrankungen (Angsterleben, depressive Verstimmungen) etwas Aufmerksamkeit. Dies ist zwar naheliegend, stellt aber schon beinahe einen Fall grober Verharmlosung dar! 

 

Denn wir Betroffenen wissen es natürlich besser: Unsere Erkrankung, das Reizdarmsyndrom, ist auch durch zahlreiche extraintestinale bzw. systemische  (also nicht lediglich den Darm betreffende) Symptome charakterisiert. Auch die Forschung gibt uns dabei recht. Zahlreiche Untersuchungen zeigen inzwischen, dass Reizdarmpatienten neben den klassischen, die Erkrankung definierenden, Symptomen auch signifikant häufiger muskuloskelettale, neuropsychiatrische und hormonelle Beschwerden berichten (siehe u.a. Undseth und Kollegen, 2016; Vara und Kollegen, 2016; Zimmerman, 2003).

Han und Yang (2016) benennen in ihrem Review zum Thema Fatigue im Rahmen des Reizdarmsyndroms Müdigkeit und Erschöpfung als dritthäufigstes Reizdarmsymptom und zwar gleich nach Bauchschmerzen und veränderten Stuhlgewohnheiten. Dabei demonstrieren die Autoren an mehreren Studien, dass mehr als jeder zweite Patient mit einem Reizdarm über Erschöpfung klagt und dass ein höherer Erschöpfungsgrad stark mit der Lebensqualität korreliert ist. Zusätzlich führt das Erleben von chronischer Müdigkeit und Abgeschlagenheit zu einer weiteren Einschränkung der Arbeitsproduktivität, mehr Krankheitstagen und verminderten Therapieerfolgen. 

 

Für das dritthäufigste Symptom einer so verbreiteten Erkrankung ist die Erschöpfung beim Reizdarmsyndrom nur spärlich untersucht. Im folgenden Blogartikel werden wir deshalb gemeinsam ergründen, wie Erschöpfung, schnellere Ermüdbarkeit und das Reizdarmsyndrom zusammenhängen. Außerdem werden wir wissenschaftlich-fundierte Schritte diskutieren, wie wir beide Faktoren dauerhaft lindern können. In weiten Teilen beziehen wir uns dabei auf die herausragende Arbeit von Lakhan und Kirchgessner (2010).

 

mehr lesen

Über Risiken und Nebenwirkungen der FODMAP-Reduktion und wie man diese minimiert

Eine FODMAP-Reduktion oder auch die glutenfreie Kost lindern die Symptome des Reizdarmsyndroms, zwingen aber auch für unsere Gesundheit wichtige probiotische Bakterien in den Fastenmodus. Wir zeigen, wie man die Darmflora trotzdem wieder blühen lässt.
Eine FODMAP-Reduktion oder auch die glutenfreie Kost lindern die Symptome des Reizdarmsyndroms, zwingen aber auch für unsere Gesundheit wichtige probiotische Bakterien in den Fastenmodus. Wir zeigen, wie man die Darmflora trotzdem wieder blühen lässt.

Inzwischen sind fast 20 Jahre vergangen, seitdem die low-FODMAP-Diät ihren Siegeszug durch die Reizdarmcommunity begann. Alles startete nach ersten erfolgversprechenden wissenschaftlichen Untersuchungen in kleinen Foren und unbekannten Mailinglisten des weitverzweigten Internets, dehnte sich später auf den Buchmarkt und die "Sozialen" Netzwerke aus und fand letztendlich - zwar sehr langsam und behäbig, aber immerhin - seinen Weg in die Arztzimmer und Kliniken unseres Landes.

Die FODMAP-Reduktion ist heute eine gut untersuchte, effektive und relativ sichere Therapiemethode. Von ihr profitieren Patienten mit dem Reizdarmsyndrom, Betroffene von Morbus Crohn und auch Fibromyalgiepatienten. Schumann und Kollegen (2018) zeigen beispielhaft in ihrer Metaanalyse an fast 600 einbezogenen Versuchspersonen, dass die low-FODMAP-Diät signifikante positive Wirkungen auf die Symptome des Reizdarms zeigt und dabei Kontrollbedingungen (meist anderen diätetischen Empfehlungen) überlegen ist. Besonders starke Auswirkungen hat die Ernährungsumstellung auf Blähungen und Bauchschmerzen, doch vereinzelte Untersuchungen deuten auch positive Effekte auf Stuhlfrequenz und Stuhlkonsistenz an. Neben den bekannten kurzfristigen Wirkmechanismen, unter anderen verringerte Fermentationsendprodukte (Gase wie Wasserstoff oder Methan) und folglich auch erheblich reduzierte osmotische Effekte (weniger Flüssigkeit wird in den Darm gezogen), finden sich auch immer mehr Hinweise auf langfristige Auswirkungen der speziellen Kostform. So zeigten etwa Zhou und Kollegen (2018) an Ratten, dass eine FODMAP-reiche Kost die Darmflora ungünstig verändert und daraus Barrierestörungen (umgangssprachlich "Leaky Gut"), Hypersensitivität (geringere Reizschwelle gegenüber Schmerzen, Muskelkontraktionen und Dehnreizen des Darmes) und letztendlich Entzündungen resultieren. Diese negativen Folgen konnten mittels Antibiotika oder einer FODMAP-Reduktion rückgängig gemacht werden. Zuvor hatten bereits McIntosh und Kollegen (2017) demonstriert, dass eine FODMAP-Reduktion den Mastzellmediator Histamin (einen Marker für Immunaktivierung) um das Achtfache verringerte.

 

Trotz der fast durchweg positiven Auswirkungen auf die Symptome der notleidenden Patienten und der eindrucksvollen Ergebnisse bezüglich der Wirkmechanismen üben sich viele Ärzte und Forscher immer noch in Zurückhaltung, was das "Adeln" der Ernährungsumstellung als first-line-Therapie betrifft. Auch die Autoren der oben zitierten Metaanalyse machen da keine Ausnahme. Die Wissenschaftler sprechen sich lediglich für eine vorläufige Empfehlung aus, bis wichtige Fragen und Kontroversen abschließend geklärt sind.

Was aber sind diese Fragen? Zu den wichtigsten und auffälligsten Befunden in zahlreichen low-FODMAP-Studien zählt eben auch, dass sich die Darmflora nachhaltig verändert (siehe auch die Metaanalyse aus Essen/Duisburg). Dabei gibt es allerdings auch negative Effekte auf probiotische Darmbakterien - hauptsächlich die Bifidobakterien. Da wir Menschen seit vielen Jahrtausenden mit unserem bakteriellen Superorganismus mutualistisch zusammenleben, hat sich eine Synthese gebildet. Wir profitieren von der Anwesenheit eben jener Bakterien und können durch eine ungünstige Beeinflussung gesundheitliche Folgeerscheinungen provozieren.

 

In diesem Artikel soll es deshalb darum gehen, wie wir diesen Trend innerhalb der low-FODMAP-Diät aufhalten können ohne deren lindernde Wirkung missen zu müssen!

 

mehr lesen

Unser Weihnachtsgewinnspiel für alle Reizdarmbetroffenen!

mehr lesen

Die Wirkung der low-FODMAP-Diät erzielen - ganz ohne Verzicht? So kann es gelingen, sagt die Forschung.

Die gut-directed-hypnotherapy (auch Bauchhypnose oder Darmhypnose) wirkt neuesten Studien zufolge für das Reizdarmsyndrom vergleichbar stark wie eine low-FODMAP-Diät mit erheblichen Langzeiteffekten. Auch Audioversionen demonstrieren eine gute Wirksamkeit
Die gut-directed-hypnotherapy (auch Bauchhypnose oder Darmhypnose) wirkt neuesten Studien zufolge für das Reizdarmsyndrom vergleichbar stark wie eine low-FODMAP-Diät mit erheblichen Langzeiteffekten. Auch Audioversionen demonstrieren eine gute Wirksamkeit

Viele meiner regelmäßigen Leser und Zuschauer wissen bereits, dass ich ein großer Verfechter der so genannten "Bauchhypnose" (auch: Darmhypnose oder gut-directed hypnotherapy) bin. Durch mein Psychologiestudium und die spätere Tätigkeit in meiner Freien Praxis für Psychotherapie kam ich schon recht früh mit der medizinischen Hypnose in Kontakt und erlebte beispielsweise deren schmerzhemmende Wirkung in Seminaren am eigenen Leibe. Es ist schon sehr überzeugend, wenn man Akupunkturnadeln gestochen bekommt und dabei nicht benennen kann, an welchen Stellen des Armes sich die Einstiche befinden ...

Natürlich hat die Hypnotherapie durch ihre lange wechselhafte Geschichte auch eine "dunkle Seite", etwas faszinierendes und mystisches an sich. Doch umso mehr man sich mit diesem Phänomen beschäftigt, desto mehr wird man feststellen können, dass Hypnose etwas ganz banales und alltägliches ist. Dazu braucht es weder einen Guru, noch ein Pendel, sondern lediglich eine gewissenhaft geleitete Induktion und die sich selbst gegebene Erlaubnis tief und vorurteilsfrei zu entspannen und die Offenheit für neue Erfahrungen.

 

Bauchhypnose wirkt! Das zeigen inzwischen zahlreiche klinische Studien, über welche ich auch hier auf dem Blog schon oft berichtet habe. Deshalb möchte ich nur kurz auf einige Forschungsergebnisse verweisen, welche wphl besonders überzeugend sind.

Miller und Kollegen (2015) fassen die Erfahrungen mit insgesamt 1.000 Reizdarmbetroffenen zusammen, welche insgesamt 12 Einheiten Bauchhypnose über jeweils drei Monate erhalten hatten. Drei von vier Patienten sprachen auf die Hypnose positiv an (Verbesserung um mindestens 50 Punkte des Symptomscores), wobei die durchschnittliche Verbesserung sogar 129 Punkte betrug. Zusätzlich wurde die Lebensqualität stark verbessert. Die Tage, an welchen die Teilnehmer an Bauchschmerzen litten halbierten sich durch die Hypnotherapie von 18 auf 9. Diese Ergebnisse waren unabhängig vom Subtyp der Patienten (Durchfall, Verstopfung, alternierend).

In seinem Reviewartikel stellt Professor Palsson (2015) insgesamt 35 wissenschaftliche Untersuchungen vor, welche die Wirkung von Darmhypnose für gastrointestinale Beschwerden testeten (Schwerpunkt Reizdarmsyndrom). Jede einzelne dieser Studien zeigte einen signifikanten positiven Effekt, wobei sieben randomisierte und kontrollierte Studien an Erwachsenen die Überlegenheit gegenüber verschiedenen Kontrollgruppen demonstrieren und drei das gleiche für Kinder und Heranwachsende tun. Palssons Fazit lautet, dass man anhand der Evidenz uneingeschränkt konstatieren müsse, die Bauchhypnose sei höchst effektiv für die Behandlung des Reizdarmsyndroms und könne substantielle und vor allem auch langanhaltende Symptomlinderungen bringen.

Peters und Kollegen (2016) verglichen schließlich die Wirkungen der Hypnotherapie auf die Beschwerden des Reizdarmsyndroms mit denen der low-FODMAP-Diät, der heute oft empfohlenen "first-line-therapy". Reizdarmpatienten wurden dazu jeweils zufällig einem Behandlungsarm (Hypnose, low-FODMAP, Kombination aus beiden Maßnahmen) zugeordnet. Nach sechs Wochen zeigten alle Gruppen deutliche Verbesserungen mit ganz leichten Vorteilen für die Kombinationsgruppe, gefolgt von der Hypnotherapie. Interessanterweise zeigten drei von vier Patienten auch ein halbes Jahr nach den Hypnosesitzungen konsistente Verbesserungen. Die Wirkungen der Hypnotherapie sind denen der Ernährungsumstellung also ebenbürtig.

 

Aufgrund der mangelnden Verfügbarkeit geschulter Therapeuten bzw. auch der Kostenintensivität bekomme ich immer wieder Mails mit der Frage nach Kollegen im ganzen Bundesgebiet, welche die Bauchhypnose anbieten. Leider muss ich dann allzu häufig passen. Allerdings gibt es eine weitere Möglichkeit, denn Studien belegen, dass eine Darmhypnose via CD oder Audiodatei den Einheiten beim Psychotherapeuten oder Arzt nicht unterlegen ist (Rutten und Kollegen, 2017). Zwar ist der Anfangserfolg beim Therapeuten etwas höher, denn hier spielen natürlich auch soziale Aspekte eine bedeutende Rolle, aber die Langzeiteffekte pegeln sich aus.

 

Nun muss ich gestehen, dass es im deutschsprachigen Raum noch einen Mangel an guten Audioangeboten zur Darmhypnose gibt. Doch nun bietet auch Professor Storr, welcher in unserer Community besonders durch seine guten Bücher und Hilfsmittel zur low-FODMAP-Diät bekannt ist, eine neue CD mit diesem Schwerpunkt an.

 

Im Folgenden möchte ich Ihnen die CD kurz vorstellen und Ihnen auch die Möglichkeit geben, kurz in einen Track hinein zu hören.

 

mehr lesen