Reizdarm: Wie du deine lästigen Symptome mit Hilfe der Wissenschaft endlich los wirst!

Kurze Vorinformation: Die Antwort auf die Frage, die dir gerade im Kopf herum spukt, lautet NEIN. Im Gegensatz zu ähnlichen Seiten möchte ich dir weder meinen neuesten überteuerten Onlinekurs andrehen, noch verkaufe ich irgendwelche E-Books. Ich will nicht deine Mailadresse, um dich mit meinen "News" zu fluten, die dann doch nur Marketing sind. Auch stelle ich keine Pillen und Pülverchen selber her oder bekomme Geld für Schleichwerbung von deren Anbietern. Die Seite ist nicht-kommerziell und lebt hauptsächlich von euren Spenden. Du kannst dich gern hier über meine Motive informieren. Und jetzt viel Spaß beim Lesen und hoffentlich entdeckst du einige Lösungsansätze für deine Beschwerden! Alles Liebe, dein Thomas.

In diesem Kapitel lernst du

"Das Reizdarmsyndrom ist eine chronisch entzündliche Darmerkrankung mit der Beteiligung von so genannten Mastzellen. Die Stabilisierung dieser Immunzellen durch den Wirkstoff Dinatriumcromoglicinsäure verbessert signifikant und nebenwirkungsarm Bauchschmerzen und Stuhlkonsistenz von Reizdarmpatienten."

(Lobo und Kollegen, 2017; Philpott und Kollegen, 2011

 

"78% der teilnehmenden, von einem Reizdarm betroffenen, Personen zeigten eine bakterielle Überwucherung des Dünndarms. Die Behandlung der Überwucherung führte zu starken Symptomverbesserungen. Fast jeder zweite Patient erfüllte nun nicht mehr die ROM-Kriterien und hatte somit keinen Reizdarm mehr."

(Pimentel und Kollegen, 2000)

 

"40% der Teilnehmer mit einem Reizdarmsyndrom zeigten Prädiktoren für eine Glutenunverträglichkeit (NZGS). Nach sechs Monaten glutenfreier Kost erreichten 60% dieser Reizdarmpatienten einen normalisierten Symptomscore. Sie litten per Definition nicht mehr unter einem Reizdarmsyndrom."

(Wahnschaffe und Kollegen, 2007)

 

Du leidest unter den Symptomen eines Reizdarmsyndroms und hast absolut keine Ahnung, von was ich hier gerade rede? Dann sind die folgenden Abschnitte meines Blogs genau richtig und vor allem wichtig für dich!

 

Bild einer gezeichneten Ärztin, welche vor dem Modell eines Reizdarms steht. In einer Sprechblase steht: Ach, wie süß! Du glaubst also wirklich noch, der Reizdarm sei eine funktionelle Erkrankung ohne körperliche Veränderungen?
Der Reizdarm wurde lange als "funktionelle" Erkrankung kategorisiert, da sich keine körperlichen Ursachen für die Symptome finden ließen. Durch das Aufdecken der biologischen Mechanismen durch die Forschung wurde eine effektive Behandlung möglich.

Was ist eigentlich ein Reizdarm?

Der Begriff "Reizdarm" hat eine sehr . wechselhafte Geschichte. Heute werden fälschlicherweise auch viele Beschwerdebilder mit diesem Label versehen, welche durch nicht-organisch erklärbare Magen-Darm-Symptome geprägt sind, aber die Kriterien für die tatsächliche Diagnose "Reizdarmsyndrom" nicht erfüllen. Diese Unschärfe bei der Diagnosestellung birgt große Gefahren. Zum einen für die Wahrnehmung der Betroffenen durch die Gesellschaft, zum anderen für eine zielgerichtete und ursächliche Behandlung.

Zur näheren Erklärung möchte ich gern die Differentialdiagnose der "Somatoformen autonomen Funktionsstörung" anführen. In der ICD-10 (der Internationalen Klassifikation von Erkrankungen) finden wir unter dem ICD-Schlüssel F45.3 die Erkrankung "Colon irritabile". Diese gehört eben zu den somatoformen autonomen Funktionsstörungen. In der Symptomatik gleicht sie dem Reizdarmsyndrom wie ein Ei dem anderen. Die Patienten klagen über Durchfall, Bauchschmerzen, Blähungen, Verstopfung und Appetitlosigkeit. Allerdings sind diese Beschwerden auf einen vermutlich "psychogenen" Auslöser zurückzuführen. Diese Betroffenen mit der Diagnose "Reizdarmsyndrom" zu versehen, wäre hoch problematisch! Denn natürlich kennen wir beim Reizdarmsyndrom inzwischen zahlreiche körperliche Ursachen und Krankheitsmechanismen und außerdem würden wir diese beiden Erkrankungen ganz unterschiedlich behandeln. Den Betroffenen mit einer somatoformen autonomen Funktionsstörung verschreiben wir am ehesten eine Psychotherapie, während wir den Reizdarmpatienten verschiedene Mastzellstabilisatoren oder Serotoninmodulatoren verabreichen und ihre Ernährung umstellen.

 

Ein weiteres Problem besteht in der Abschätzung des Schweregrades der Symptome. Sehr viele Menschen haben ab und an Magen- oder Darmprobleme. Doch nicht jeder Blähbauch oder jeder weiche Stuhlgang ist auch gleich ein Reizdarmsyndrom. Die Symptome der Reizdarmpatienten müssen bestimmte Kriterien erfüllen, um die Diagnosestellung zu rechtfertigen. So müssen die Symptome über einen längeren Zeitraum bestehen und sie müssen so intensiv sein, dass die Betroffenen sie als schmerzhaft und einschränkend empfinden. Die Betonung dieser Kriterien wurde in den letzten Jahren massiv verstärkt, was dem Stand der Erkrankung Reizdarmsyndrom sehr gut getan hat. Viele Patienten fühlen sich heute eher ernst genommen.

 

Eine vernünftige und trennscharfe Abgrenzung des Reizdarmsyndroms von anderen Erkrankungen ist also unumgänglich!

Alternative und historische Namen für den Reizdarm

Reizdarmsyndrom (RDS) Irritable Bowel Syndrome (IBS) im Volksmund: Reizdarm
Nervöser Darm Colon irritabile Colitis mucosa
Darmneurose Irritables Colon Spastisches Colon
 Colitis nervosa Instabiles Colon  

Warum ist der Reizdarm ein "Syndrom"?

Vielleicht hast du dich auch schon einmal gewundert, warum deine Erkrankung nicht einen so klangvollen Namen trägt wie "Morbus Crohn" oder "Diabetes mellitus"? Dies hängt damit zusammen, dass der Reizdarm keine wirklich eigenständige Erkrankung mit homogenen Krankheitsmechanismen und Symptomen ist.

Die Mediziner der Vierziger und Fünfziger Jahre standen vor einem Problem: Sie beobachteten zahllose Patienten mit ähnlichen Beschwerden, konnten aber weder eine tatsächliche Ursache, noch konstante Krankheitsmechanismen entdecken (obwohl damals schon erste Vermutungen über infektiöse, immunologische und psychische Ursachen des Reizdarms angestellt wurden). Mangels dieser verbindenden, übergreifenden Merkmale (beim Morbus Crohn wäre es zum Beispiel die autoimmune granulomatöse Entzündung) behalfen sich die Ärzte eines Tricks und fassten einfach den immer wieder ähnlich auftauchenden Symptomkomplex unter dem "Regenschirmbegriff" Reizdarmsyndrom zusammen. Zur Abgrenzung von anderen Erkrankungen, welche ganz ähnliche Symptome hervorrufen können, forderten die Mediziner schließlich den Ausschluss aller bekannter alternativer Diagnosen, z.B. chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, mikroskopische Kolitis), Nahrungsmittelallergien und -intoleranzen, Zöliakie, Bauchspeicheldrüsenerkrankungen, Gallensäureverlustsyndrom usw. 

 

Auch dieser, etwas unbeholfen wirkende, Schritt hatte Konsequenzen für die Patienten. Unter der Diagnose Reizdarmsyndrom fanden sich nun viele Betroffene mit sehr unterschiedlichen Symptomen und Bedürfnissen wieder. Die nervöse untergewichtige Krankenschwester mit Durchfall, Angsterleben und vielen Nahrungsmittelunverträglichkeiten litt nun genauso unter "dem" Reizdarm, wie der etwas dickliche Steuerberater mit Verstopfung, Blähbauch und Sodbrennen. Um den unterschiedlichen Ausprägungen des Reizdarms und den daraus entstehenden Besonderheiten bei Diagnostik und Behandlung gerecht zu werden, unterteilt man das Reizdarmsyndrom heute in verschiedene Kategorien, so genannte Subtypen.

Subtypen der Diagnose Reizdarmsyndrom

Reizdarmsyndrom

Durchfall

(RDS-D, IBS-D)

Reizdarmsyndrom Verstopfung

(RDS-V, IBS-C)

Reizdarmsyndrom alternierend

(RDS-A, IBS-A)

Reizdarmsyndrom unkategorisiert

(RDS-U, IBS-U)

Reizdarmsyndrom postinfektiös

(RDS-PI, PI-IBS)

 Dieser Subtyp ist durch das Hauptsymptom Durchfall gekenn-zeichnet. Oft bestehen starke

Bauchschmerzen und

Bauchkrämpfe vor dem Durchfall. Die

Betroffenen neigen häufig stark zu Angsterleben, Immunaktivierung,

Gewichtsverlust und Darmentzündungen. Oft sind Nahrungsmittel-unverträglichkeiten beteiligt. 

Die Betroffenen leiden unter massiver Verstopfung und beschreiben häufig das Gefühl, "etwas blockiere ihren Darm". Häufig ist ein aufgetriebener Blähbauch vorhanden. Gas- und Stuhlpassage sind schmerzhaft und nur unter großen Anstrengungen möglich. Die Bauchschmerzen bestehen oft dauerhaft. Trotz mangelndem Appettit nehmen viele Betroffene an Gewicht zu. Der alternierende Reizdarm wird von vielen Ärzten als "der klassische" Reizdarm angesehen. Längere Phasen mit Verstopfung und hartem Stuhl werden von Tagen mit dünnflüssigem oder breiigem Stuhlgang unterbrochen. Schmerzen und Blähungen sind oft weitere Symptome. Beim unkategorisierten Subtyp trifft keine der bisher geschilderten Kategorien zu. Im Gegensatz zu den anderen Subtypen steht meist nicht die Veränderung der Stuhlfrequenz oder -Konsistenz im Vordergrund, sondern die Schmerzen vor, während oder nach dem Stuhlgang oder auch ein schmerzender Blähbauch. Das postinfektiöse Reizdarmsyndrom ist eine Unterkategorie des RDS-D. Definiert ist es dadurch, dass die Reizdarmbeschwerden ursächlich auf eine akute gastrointestinale Infektion (z.B. eine Magen-Darm-Grippe) zurückgeführt werden können. Es finden sich eine chronische Aktivierung des Immunsystems und evidente Entzündungsmarker.

Wie ist der Reizdarm definiert? Welche Kriterien müssen erfüllt sein, um die Diagnose zu erhalten?

Bereits seit 1962 (vgl. Chaudhary & Truelove, 1962) versuchten Ärzte das damals neu entstehende Feld der "funktionellen Magen-Darm-Erkrankungen" (gastrointestinale Symptome ohne bekannte körperliche Ursache) zu ordnen. Wer genau gehörte zu dieser Patientengruppe und wem sollte die Diagnose vorenthalten werden? 

In der Folgezeit entstanden mehrere Kriterienkataloge und Diagnoseleitlinien für das Reizdarmsyndrom. 1989 etablierte sich die heute gängigste Leitlinie, die so genannten ROM-Kriterien, in ihrer ersten Version. Die heute aktuelle Version, die ROM-IV-Kriterien, wurde im Mai 2016 veröffentlicht (siehe u.a. Schmulson & Drossmann, 2017). 

Besonders interessant an den ROM-Kriterien als verbreitetsten Empfehlungen zur Diagnose und Behandlung des Reizdarms für Ärzte ist deren inhaltliche Weiterentwicklung. Wurde das Reizdarmsyndrom anfangs noch als "funktionelle Störung" (also ohne auffindbare körperliche Ursache) bezeichnet, fiel dieser Begriff in der aktuellen Leitlinie ROM-IV vollständig weg. Stattdessen sprechen die Leitlinien vom Reizdarmsyndrom als einer "Störung mit Beteiligung der Hirn-Darm-Achse". Dies ist für unsere Community ein enormer Fortschritt, um von der Gesellschaft und der Gesundheitspolitik ernster genommen zu werden! 

Der Reizdarm als Erkrankung mit Störung der Hirn-Darm-Achse (ROM-IV)

Erkrankungen mit Störung der Hirn-Darm-Achse

 Eine Gruppe von Erkrankungen, definiert durch gastrointestinale Symptome bezogen auf (auch in Kombination)

  1. Änderungen der Motilität (Stuhltransport: Durchfall oder Verstopfung)
  2. Viszerale Hypersensitivität (erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Schmerz- und Dehnreizen)
  3. Abweichungen der Schleimhaut- und Immunfunktion
  4. Veränderungen des Mikrobioms (der Darmflora)
  5. Störungen bei der Verarbeitung des Zentralen und Vegetativen Nervensystems
 

Die durch die Wissenschaft neu erhobenen körperlichen Mechanismen beim Reizdarmsyndrom haben hier also bereits Eingang gefunden. Von unseren Einführungszitaten ließe sich die Mastzellaktivierung der Kategorie "veränderte Immunfunktion", die Dünndarmfehlbesiedlung hingegen der Kategorie "Darmflora" zuordnen.

Im Übrigen wurde der schwammige Begriff "Unwohlsein" in der neuen ROM-Version durch den deutlich praktischeren Begriff "Bauchschmerzen" ersetzt.

Welche Kriterien bestimmen über die Diagnose Reizdarm? (Nach ROM-IV)

Wiederkehrende abdominale Schmerzen (Bauchschmerzen), im Durchschnitt an mindestens einem Tag pro Woche der vergangenen drei Monate. Die Bauchschmerzen stehen in Verbindung mit mindestens zwei der folgenden Kriterien:
 dem Absetzen von Stuhl  einer Veränderung der Häufigkeit des Stuhlgangs (Frequenz) einer Veränderung der Konsistenz des Stuhles (Durchfall, Verstopfung)  
Die Symptome müssen bereits sechs Monate vor der Diagnosestellung bestanden haben.  
Alternative Ursachen müssen ausgeschlossen worden sein. (siehe Tests & Diagnostik)  

 

Du siehst, dass selbst hier noch ein enormer Spielraum bei der Diagnosefindung besteht. Zwischen einem Patienten, der einmal wöchentlich Schmerzen vor dem Stuhlgang und vielleicht etwas weicheren Stuhl hat und einem ausgeprägten postinfektiösen Reizdarm mit Immunaktivierung, Entzündungen, wässrigen Durchfällen und Gewichtsverlust besteht dann doch ein gehöriger Unterschied. 

 

Wichtig ist mir aber eher, dass du dir folgendes aus diesem Abschnitt mitnimmst: Das Reizdarmsyndrom ist sehr wohl durch spezifische körperliche Veränderungen gekennzeichnet. Die wissenschaftlichen Daten zu diesen Krankheitsmechanismen sind so evident, dass sie sich auch auf die Formulierung der Diagnoseleitlinien niederschlugen. Bitte weise deinen Arzt, dein Umfeld und andere Betroffene darauf hin, falls diese noch andere Dinge verbreiten, damit der Mythos der "Beschwerden im Kopf" (der leider immer noch manchmal geritten wird) möglichst bald auf dem "Misthaufen der Medizingeschichte" landet.

Bild eines Arztes, der über die Diagnose Reizdarm vor einem Laptop nachdenkt. Daneben der Text: Hätte ich meine Hausaufgaben gemacht: Die ROM-Kriterien lesen!
Die aktuellen Diagnoseleitlinien für den Reizdarm, die ROM-IV-Kriterien, fassen die bisher bekannten Mechanismen beim Reizdarmsyndrom zusammen. Dazu zählen die veränderte Darmflora und Immunprozesse. Weiterhin empfehlen sie eine zielgerichtete Behandlung.

Wer ist von einem Reizdarm betroffen? Nimmt die Häufigkeit des Reizdarms zu?

Zur Verbreitung und Häufigkeit des Reizdarms (in der Medizin Epidemiologie) finden sich recht unterschiedliche Daten. Dies hat vor allem damit zu tun, dass zur Erhebung unterschiedliche Diagnoseleitlinien eingesetzt werden. So unterscheidet sich bereits die Betroffenenquote der Reizdarmpatienten erheblich, wenn wir statt der lange genutzten ROM-III- die strengeren ROM-IV-Kriterien anlegen. Die ROM-IV-positiven Patienten bilden dann eine Untergruppe der ROM-III-Patienten ab, geprägt durch heftigere Symptome, psychologische Begleiterkrankungen und eine verminderte Lebensqualität (Vork und Kollegen, 2018). Hinzu kommt, dass nur etwa ein Drittel der Betroffenen einen Arzt zur Diagnosefindung aufsucht. Die allermeisten Reizdarmerkrankungen liegen also in einem Dunkelfeld. Übrigens unterscheiden sich diese "unentdeckten" Patienten keineswegs von ihren Zwillingen im Wartezimmer. Lediglich die Variablen Angst, depressive Verstimmung, Beeinträchtigung der Lebensqualität und Somatisierung sind bei letzteren stärker ausgeprägt. Es entscheidet also weniger der Schweregrad des Reizdarms über den Arztbesuch als der Bewältigungsstil und die psychische Verfassung

 

Die weltweite Prävalenz liegt bei knapp 11% der Weltbevölkerung, mit sehr niedrigen Raten in bspw. Thailand (5%) und Hongkong (6%) und sehr hohen Betroffenenzahlen in den Vereinigten Staaten (20%) und Großbritannien (Canavan & Card, 2014). In einer deutschen Untersuchung lag die Prävalenz bei 16,6% (Althaus und Kollegen, 2016). Diese Studie war noch aus einem anderen Grund sehr interessant: Als größter Risikofaktor wurde eine vorausgehende gastrointestinale Infektion ("Reisedurchfall") ermittelt. In einer weiteren deutschen Untersuchung berichteten über 20% der befragten Studentinnen von Symptomen, welche die Diagnose Reizdarm rechtfertigten (Gulewitsch und Kollegen, 2011). 

 

Ob die Verbreitung des Reizdarms tatsächlich zunimmt, lässt sich nur schwer abschätzen. Zwar legen die ständig steigenden Zahlen diesen Schluss nahe: Viele europäische Länder nähern sich in den letzten Jahren dem 20%-Peak der USA an, was eine Hypothese bezüglich des westlichen Lebensstils (Antibiotika, wenig Ballaststoffe, verarbeitete Lebensmittel, Stress) plausibel werden lässt. Allerdings müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass sich sowohl die Umfragemethoden, als auch die Bekanntheit der Erkrankung in den letzten Jahren geändert haben. Ein endgültiges Urteil zu fällen, wäre da sicher vorschnell. 

Karte der Regionen mit den Betroffenenquoten für den Reizdarm. Besonders viele Reizdarmbetroffene gibt es in den USA, besonders wenige in Hongkong oder Thailand.
11% der Weltbevölkerung leiden unter einem Reizdarm. In Deutschland sind es 16,6% der Gesamtbevölkerung und über 20% der Studentinnen. Entnommen aus: Canavan et al. (2014). The epidemiology of Irritable Bowel Syndrome. Clin Epidemiol. 6:71-80.

Frauen sind in vergangenen Studien deutlich häufiger von einem Reizdarm betroffen. Die Quote Frau:Mann liegt für den Reizdarm bei 1,5-3:1 und zwar unabhängig von der Befragungsmethode (Quigley et al., 2006). Allerdings vermuten viele Forscher hier das Vorliegen eines statistischen Artefaktes. Bekannt ist unter anderem, dass Frauen deutlich häufiger zum Arzt gehen und über gesundheitliche Probleme sprechen. Eine weitere Erklärungsmöglichkeit besteht darin, dass die schambesetzten Darmsymptome wie Durchfall oder Blähungen von Frauen eher als störend empfunden werden, während Männer damit aufgrund ihrer Sozialisation entspannter damit umgehen können. In vielen aktuelleren Studien gleicht sich diese Schere inzwischen an, was für die Hypothese eines hohen Dunkelfeldes spricht. 

 

Das Reizdarmsyndrom ist eine Erkrankung der Heranwachsenden und jungen Erwachsenen. Über 50% der Betroffenen berichten, dass ihre Beschwerden vor dem 35sten Lebensjahr begannen (Maxwell et al., 1997). Obwohl wir den Reizdarm in allen Generationen finden (auch bei Kindern und Senioren), sind junge Erwachsene besonders stark betroffen. Das Alter scheint hingegen einen gewissen Schutz zu bieten: In der Altersgruppe der über 50jährigen liegt die Betroffenenquote satte 25% niedriger!

 

Weiterhin scheint das Reizdarmsyndrom mit dem Wohlstand unserer Gesellschaft (vermittelt über den sozioökonomischen Status) in Verbindung zu stehen. Wohlsituierte Menschen in großen Städten leiden deutlich häufiger unter einem Reizdarm (u.a. Mendall & Kumar, 1998). Vermutet werden Faktoren wie Stresserleben in Dienstleistungsberufen und veränderte Ernährungsgewohnheiten. Auch dass Schwellenländer wie China oder Brasilien sich mit zunehmender Industrialisierung und Digitalisierung den westlichen Betroffenenquoten annähern, scheint diese Vermutungen zu untermauern. 

 

Schließlich ist der Reizdarm auch eine Erkrankung der Familie. Das Reizdarmsyndrom kommt gehäuft in Familien vor. Das Risiko an einem Reizdarm zu erkranken verdoppelt sich, wenn du einen direkten Verwandten (Mutter, Vater, Geschwister) mit dieser Erkrankung hast (Locke et al., 2000). Durch die Wissenschaft bestätigt wurden inzwischen sowohl genetische Zusammenhänge, Lernprozesse und die Weitergabe der Neigung zur Somatisierung. 

Risikofaktoren: Was erhöht das Risiko, an einem Reizdarmsyndrom zu erkranken? (Nach Ibrahim, 2016)

Risikofaktor nach Stärke der Assoziation
 Weibliches Geschlecht
Psychologische Auffälligkeiten
Infektionen
Betroffenes Familienmitglied
Westliche Ernährung
Übergewicht und Bewegungsmangel
Mangelnder Schlaf
Bessere Noten und Arbeitsleistungen

 

Keine Angst! Auf die allermeisten dieser Risikofaktoren des Reizdarms, vor allem aber auf die Infektionen, die psychischen Besonderheiten und die Ernährungskomponente werden wir in den Unterkapiteln noch vertiefend eingehen. Wichtig ist mir erst einmal, dass du eine ungefähre Vorstellung davon bekommst, was bei der Entwicklung eines Reizdarmsyndroms alles eine Rolle spielen kann. Wir sprechen von einer biopsychosozialen Genese. Das bedeutet nichts anderes, als dass sowohl biologische (Infektion und Immunaktivierung, Genetik), psychologische (Angsterleben, Stress, Emotionen) als auch soziale Faktoren (Lernverhalten innerhalb der Familie - Sozialisation) an der Entstehung und Aufrechterhaltung des Reizdarmsyndroms beteiligt sind.

Die leidvolle Geschichte des Reizdarmsyndroms: Warum existieren so viele Mythen und Halbwahrheiten über die Ursachen und Behandlung des RDS?

Über unsere Erkrankung, den Reizdarm, existieren zahllose Mythen und Halbwahrheiten. Seit den ersten Blogartikeln versuche ich regelmäßig dazu beizutragen, dass diese teils unerhörten Behauptungen endlich in der Versenkung verschwinden. Vielleicht musstest du dir schon selbst Sätze wie

 

"Du bist doch gar nicht wirklich krank, sonst hätte doch schon längst mal ein Arzt etwas gefunden",

 

"Du darfst eben nicht so in dich reinhorchen! Reiße dich doch bitte mal etwas zusammen, andere gehen auch mit >ein bisschen< Bauchschmerzen zur Arbeit", oder

 

"Du musst einfach ausgewogen essen! Wenn du keine Zöliakie und keine Laktoseintoleranz hast, dann haben diese Dinge auch keinen Einfluss auf deine angebliche Darmerkrankung" anhören?

 

Einige dieser unbegründeten Behauptungen haben sich so tief in die Köpfe eingegraben, dass die Diagnose Reizdarm heute mit einer enormen Stigmatisierung verbunden ist (Taft und Kollegen, 2017). Die Reizdarmpatienten fühlen sich dabei weitaus stärker stigmatisiert als Betroffene von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Viele Patienten fühlen sich von ihrem persönlichen Umfeld, Familie, Freunden und Kollegen nicht verstanden und mit ihren Symptomen und Herausforderungen durch die Erkrankung nicht ernst genommen.

Durch das inzwischen mehr als sechs Jahrzehnte andauernde Herunterbeten der falschen Behauptung "die Symptome des Reizdarms entstünden in erster Linie im Kopf der Betroffenen" haben sich Stigmata auch in das Selbstbild der Reizdarmbetroffenen selbst eingegraben (Taft und Kollegen, 2014). Die erlebten und internalisierten Stigmatisierungen im Rahmen des Reizdarmsyndroms mindern die Lebensqualität der Betroffenen zusätzlich.

Und schließlich sind auch Ärzte nicht vor diesen Fehlannahmen gefeit. So sieht auch im Jahre 2018, nach den Erkenntnissen zu Lipopolysacchariden, Mastzellen und hyperpermeabler Darmschleimhaut, die absolute Mehrheit der Allgemeinmediziner in Großbritannien den Reizdarm als hauptsächlich psychologische Erkrankung (Bradley und Kollegen, 2018). Das ist ein wirklich erschreckender Befund. Er erklärt aber auch, warum sich so viele Reizdarmbetroffene mit ihren Beschwerden allein gelassen fühlen und mit der Zeit oft eine wahre Wut auf die Ärzteschaft entwickelt. Dies trägt sicherlich auch dazu bei, dass sich letztlich mehr als jede zweite Reizdarmpatientin der Naturheilkunde zuwendet (Goldenberg und Kollegen, 2018).

Bild eines Lehrers, der auf eine Tafel mit der Überschrift "Die Geschichte des Reizdarmsyndroms" deutet. In der Hand ein Buch mit dem Kürzel RDS für Reizdarm.
Der Reizdarm musste in den vergangenen Jahrzehnten so einige Hindernisse überwinden. So mauserte er sich von der psychiatrischen Neurose zur funktionellen Erkrankung und schließlich zur Darmerkrankung mit immunologischer Beteiligung.

Um zu verstehen, woher diese Mythen und Vorurteile über den Reizdarm kommen, möchte ich dir kurz etwas über dessen Geschichte erzählen.

Der Reizdarm kann als "Erkrankung der Moderne" bezeichnet werden. Ähnlich wie die Geschichte des Morbus Crohn oder der Colitis ulcerosa reicht die medizinische Beschäftigung mit dem Reizdarmsyndrom nämlich nicht besonders weit zurück. Alles begann damit, dass sich in den 40er und 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika viele Ärzte mit einer neuen Patientengruppe konfrontiert sahen: Die in der Überzahl weiblichen Betroffenen klagten über Bauchschmerzen und Durchfälle, doch die von vielen Ärzten vermutete Infektion ließ sich nicht nachweisen. Auch die anderen Tests lieferten kein klärendes Ergebnis. Könnte die Ursache vielleicht psychisch begründbar sein? Die unheilvolle Geschichte einer Erkrankung nimmt ihren Lauf … 

Zeitraum Wichtiges Ereignis für den Reizdarm
 1909

 

Ein Dr. Wilson beschreibt im British Medical Journal erstmals eine Darmerkrankung, die er "Katarrh des Dickdarms" nennt.  Nach Wilson ist diese Krankheit häufig und durch den Abgang von Schleim beim Stuhlgang gekennzeichnet. Die Darmschleimhaut ist gereizt, die Muskulatur oft überaktiv. Es finden sich keine Ulzerationen oder anderen körperlichen Veränderungen.

 

1933

 

Dr. Fred Kruse beschreibt im Western Journal of Medicine die Schwierigkeiten mit der Namensfindung,  sowohl Spastisches Kolon,  Gereiztes Kolon oder auch Colitis mucosa waren gebräuchlich; als auch die Probleme im Umgang mit den Patienten. Letztere charakterisiert er als "intelligent und analytisch, aber fehlgeleitet". Er interpretierte die Erkrankung als Dysregulation des Darmnervensystems und empfahl  u.a. Spasmolytika, Ruhe und Entspannung. Auch der Begriff "Neurose des Darms" wird genutzt.  Es wird eine einfache, den Darm nicht irritierende Kost empfohlen.

 

1950

 

Das Reizdarmsyndrom wird unter diesem Namen von Dr. P. Brown in seinem einflussreichen Artikel im Rocky Mountain Journal of Medicine vorgestellt.

 

1962

 

Die Drs. Chaudhery und Truelove veröffentlichen ihre Studie zur Kategorisierung von Reizdarmpatienten in Oxford. Sie beschreiben das Reizdarmsyndrom als Erkrankung des weiblichen Geschlechts. Das Reizdarmsyndrom wird in zwei Untergruppen geteilt: Das Spastische Kolon (Bauchschmerzen in Kombination mit Durchfall oder Verstopfung) und Funktionelle Diarrhö (Durchfall) ohne Schmerzen. Beide Kategorien zeigen eine stark ausgeprägte psychische Beteiligung (77-90%). Es werden erste Ernährungstrigger (vor allem Obst) erwähnt.

 

ab 1965

 

Aufgrund der Ergebnisse von Chaudhery und Truelove werden immer mehr Untersuchungen zur psychischen Verfassung und Persönlichkeitsstruktur von Reizdarmbetroffenen angestellt. Die Darmerkrankung erhält immer mehr das Stigma der "Neurose der überreizten, nervösen und unsicheren Frau".  Dies wird sowohl durch das damals herrschende Frauenbild, als auch die fehlgeschlagenen Bemühungen, endlich eine körperliche Ursache für den Reizdarm ausfindig zu machen, unterstützt.  1974 ziehen Palmer und Kollegen eine Verbindung vom Reizdarmsyndrom zu psychoneurotischen Erkrankungen.

 

Ende der 70er Jahre

 

Progressive Wissenschaftler versuchen das Darmnervensystem und die Verdauung zum Ziel ihrer Bemühungen zu machen. Erste erfolgreiche Studien zur Behandlung des Reizdarms mit Pfefferminzöl, pharmakologischen Spasmolytika und Ballaststoffen werden publiziert. 

Dennoch scheint sich die "psychologische Denkweise" durchzusetzen. Das Reizdarmsyndrom wird zu einem Fall für die Couch der Psychotherapie. Dr. Jiwani beschreibt als oberstes Ziel der Behandlung des Reizdarms eine "psychische Reorientierung des Patienten und eine nachhaltige Persönlichkeitsänderung"

 

ab 1980

 

Die 80er Jahre sind vom Widerstreit der beiden Hypothesen "vorwiegend psychische Erkrankung" und "vorwiegend körperliche Mechanismen" geprägt. Vertreter der biologischen Sichtweise betonen, die festgestellten psychologischen Besonderheiten seien eine Folge der Schmerzen und Einschränkungen durch die Erkrankung.  Sie veröffentlichen Arbeiten zur Unverträglichkeit von verschiedenen Kohlenhydraten (Fruchtzucker und Milchzucker), sowie erste Erkenntnisse zu den Mastzellen.  Vertreter der Idee einer "psychogenen Erkrankung" befeuern die Debatte ebenfalls.  Die Drs. Creed und Guthrie merken 1987 an, dass ca. 50% der mit einem Reizdarm diagnostizierten Personen die Diagnose für eine psychiatrische Störung erfüllten

 

ab 1990

 

Untersuchungen deuten an, dass Patienten mit einem Reizdarm eher über traumatische Kindheitserlebnisse berichten, was als Beleg für die Hypothese der psychogenen Erkrankung gewertet wird. 

Es wird über die erhöhte viszerale Hypersensitivität der Patienten berichtet. Reizdarmbetroffene reagieren früher und stärker auf Reize im Darm. Eine Verbindung zum Darmnervensystem wird vermutet.  Erste Erkenntnisse deuten die Existenz eines postinfektiösen Reizdarms mit Immundysregulation an. 

Die symptomatische medikamentöse Behandlung des Reizdarms tritt in den Vordergrund. Mittel der Wahl sind Loperamid (gegen Durchfall), Laktulose (gegen Verstopfung), Mebeverin (gegen Bauchkrämpfe). Der Begriff der "funktionellen Störung" findet vermehrt Anklang. Innerhalb der Psychotherapie bewähren sich besonders die Darmhypnose und die Kognitive Verhaltenstherapie.  Viele Psychologen sind zu diesem Zeitpunkt bereits der Meinung, ihre Therapie könne helfen, die Beschwerden besser zu bewältigen, aber nicht zu heilen. 

 

Jahrtausenwende

 

Das low-FODMAP-Konzept wird von den Drs. Shepherd und Gibson formuliert. Es handelt sich um für den Reizdarm problematische Kohlenhydrate, welche bei der Fermentation durch die Darmflora Gase bilden und osmotische Effekte provozieren.  Die Idee, "der Patient könne essen, was er wolle" gerät ins Wanken. 

Erste Untersuchungen zeigen eine Verbindung des Reizdarmsyndroms zu einer gestörten Darmflora (Dysbiose).  Die Behandlung mittels Ernährungsumstellung, Probiotika, Präbiotika und Stuhltransplantation gerät in den Fokus der Wissenschaft. 

Die Dünndarmfehlbesiedlung wird als Ursache des Reizdarms diskutiert. Viele Patienten werden nach einer speziellen Antibiose erstmals beschwerdefrei. 

Die Hirn-(Mikrobiom)-Darm-Achse wird beschrieben und erklärt den engen Zusammenhang zwischen Darmsymptomen und verändertem Erleben und Verhalten der Patienten. 

 

um 2005

 

Die Hypothese der psychogenen Erkrankung gerät (zumindest in der Wissenschaft) immer mehr ins Wanken. Neal und Kollegen weisen darauf hin, dass die enorm hohen Raten psychischer Auffälligkeiten nicht den tatsächlichen Betroffenenquoten entsprächen, sondern einer Vorselektion des geringen Teils der Reizdarmpatienten, welche eine Klinik aufsuchten. Studien hatten gezeigt, dass RDS-Patienten eher einen Arzt aufsuchen, wenn sie unter Ängsten oder Depressionen litten. 

Deutsche Wissenschaftler zeigen Verbindungen des Reizdarms zur Zöliakie.  Zahlreiche Patienten klagen nach mehreren Monaten Glutenverzicht nicht mehr über einen Reizdarm. 

 

Ende der 2000er

 

Die Serotoninrezeptoren geraten in den Blickpunkt der Wissenschaft.  Eine neue wirkungsvolle Generation von Medikamenten wie Alosetron, Ramosetron und Tegaserod entsteht. Einige Medikamente müssen aufgrund von Nebenwirkungen reguliert oder vom Markt genommen werden.

 

ab 2010

 

Die Forschungen zum Thema Mastzellen, Mikroentzündungen und Darmbarriere steigen sprunghaft an. Das Reizdarmsyndrom wird mit Mastzellstabilisatoren und Antihistaminika behandelt. Auch die Publikationen zum Mikrobiom bzw. der Darmflora nehmen zu. Es entsteht, getragen durch das Gesundheitsinternet, eine enormer Markt für Probiotika, Stuhltests etc. Viele Betroffene fühlen sich von der Informationsflut überfordert. 

2016 verabschieden sich die ROM-IV-Kriterien endgültig vom mit Stigmata aufgeladenen Begriff der "funktionellen Störung". 

 

Ende der 2010er

 

Inzwischen hat sich die Sicht des Reizdarms als biopsychosozialer Erkrankung durchgesetzt. Biologische Faktoren stehen im Vordergrund, doch die Auswirkungen von Stress oder emotionalen Traumata auf die Darmflora und das Immunsystem sind eben auch evident. Die wirkungsvolle Behandlung des Reizdarmsyndroms gestaltet sich deshalb heute holistisch und beruht auf mehreren Säulen: zielgerichtete ursächliche Medikation (Mastzellen, Serotonin), Ernährungsumstellung und Supplemente (Mikrobiom), evtl. Psychotherapie oder Stressmanagement (Psychoneuroimmunologie und Bewältigung).

Trotz der unglaublichen wissenschaftlichen Fortschritte finden die neuen Erkenntnisse keinen Eingang in die Arztpraxen. Laut Studien glaubt ein Großteil der niedergelassenen Ärzt immer noch an psychologische Ursachen des Reizdarmsyndroms. 

 

 

Was du dir bis hier über den Reizdarm gemerkt haben solltest:

  1. Das Reizdarmsyndrom ist eine chronische Darmerkrankung. Sie ist charakterisiert durch länger bestehende, immer wiederkehrende Bauchschmerzen, die mit dem Stuhlgang direkt, oder Veränderungen der Stuhlfrequenz oder -konsistenz (Durchfall oder Verstopfung) in Zusammenhang stehen. 
  2. Der Reizdarm ist ein Syndrom, also ein Komplex ähnlicher Symptome. Unterschiedliche Patienten benötigen deshalb auch eine unterschiedliche Behandlung, auch wenn sie die gleiche Diagnose haben. 
  3. Als Ursachen und Krankheitsmechanismen gelten viszerale Hypersensitivität, Veränderungen der Schleimhaut- und Immunfunktion, eine veränderte Darmflora (Dysbiose), Abweichungen der Motilität und Veränderungen der Reaktionen des Nervensystems. Diese Faktoren werden unter dem Oberbegriff "Störung der Hirn-Darm-Achse" zusammengefasst.
  4. Das Reizdarmsyndrom ist keine psychogene Erkrankung. Psychische Faktoren spielen vor allem eine Rolle bei der Bewältigung des Reizdarms und verändern nachhaltig Immunprozesse. Deshalb sollte die Psyche trotzdem unbedingt in eine wirkungsvolle Behandlung integriert werden. 
  5. Trotz des enorm angewachsenen Wissens werden noch viele Unwahrheiten über den Reizdarm verbreitet. Es ist deine Aufgabe, dich zu informieren und mit Fakten gegen diese Vorurteile und Falschaussagen zu argumentieren. Das bist du dir und uns, der Patientencommunity, schuldig. Lass dich nicht zum Opfer machen und nimm dir keinesfalls die Mythen und Stigmata persönlich an. Du bist weder ein schwacher Mensch, noch entstehen deine Symptome in deinem Kopf!