Reizdarm, Homöopathie und Wissenschaft

Homöopathie bei einem Reizdarm. Kann das wirklich helfen, oder ist die Homöopathie tatsächlich eine Irrlehre, wie viele Schulmediziner behaupten?
Homöopathie bei einem Reizdarmsyndrom - Studien zeigen positive Effekte, aller Kritik zum Trotz. Bild: Ulrich Schmitz via pixelio.de

Liebe LeserInnen, heute kommen Sie nach langer Wartezeit endlich in den Genuss eines Artikels, vor dem ich mich ehrlich gesagt sehr lange gedrückt habe. Dies hatte verschiedene Gründe, welche ich hier nur ganz kurz anreißen möchte, damit Sie besser verstehen, aus welcher Blickrichtung sich meine Sicht auf die Homöopathie entwickelt hat. Dabei glaube ich behaupten zu können, dass ich keineswegs "blauäugig" oder "verblendet" bin, wie es den Anwendern und Patienten immer wieder vorgeworfen wird. Und falls Sie meine Artikel schon länger verfolgen, dann wissen Sie auch, dass ich mich faktischen Argumenten nicht verschließe, ganz im Gegenteil, denn das Projekt Reizdarmtherapie.net steht seit 2014 für Analysen und Handlungsübersetzungen evidenz-basierter aktueller Studienergebnisse rund um das Thema Reizdarmsyndrom. Nun gut, werden einige von Ihnen jetzt vielleicht denken, aber warum dann ausgerechnet ein Artikel über die kontrovers diskutierte Homöopathie, welche beim ersten Hinschauen so gar nicht zur evidenz-basierten Wissenschaft passen mag? Zum einen, weil Komplementär- und Alternativmedizin von vielen Reizdarmpatienten angewendet werden und dabei höhere Effekte bei Symptommanagement und Lebensqualität erzielen (Grundmann & Yoon, 2014). Zum anderen, weil ich regelmäßig Zuschriften von Lesern erhalte, welche gezielt meine Meinung zur Homöopathie wissen möchten. Manchmal kommt die Frage dabei von Skeptikern, welche ihre Lebensgefährtin von dem "Unsinn" wegbringen wollen, viel öfter aber von meist weiblichen Lesern, die sich tatsächlich für das Thema interessieren.

 

Ich persönlich stand der Homöopathie lange Zeit mehr als skeptisch gegenüber. Als Psychologe des neuen Jahrtausends verstand ich mich lange Zeit als Naturwissenschaftler (schließlich haben wir inzwischen den Bachelor und Master of Science ...) und die Prinzipien der evidenz-basierten Medizin wurden uns regelrecht eingetrichtert. In meinem Umfeld herrschte eine Hexenjagd auf alles, was nicht oder noch nicht in der Welt der verwertbaren Daten angelangt war. Auf jeden Fall passte ich mich damals an und ließ mein Weltbild stark davon prägen. Erhärtet wurde diese Haltung nochmal als ich in meiner Verzweiflung wegen des Reizdarmsyndroms eine Heilpraktikerin aufsuchte, welche mir ein paar Globulis zusteckte. Heute weiß ich, dass es sich um eine wirklich schlechte Vertreterin ihrer Zunft gehandelt hat, denn es gab weder eine ausführliche Anamnese noch eine Fallanalyse (dazu später). 

Im Gegensatz zu mir war meine liebe Frau der Naturheilkunde schon immer zugewandt (wen wundert das als Physiotherapeutin und Heilpraktikerin für Physiotherapie?) und beschäftigte sich auch mit der Homöopathie. Sie können sich vorstellen mit welcher Begeisterung ich diese Globulis schluckte :). Es kam durch die Mittel allerdings zu einigen für mich unerklärlichen Erlebnissen, weil meine Frau mir die Globulis "blind" verabreichte, was bedeutet, dass ich nicht wusste, welches Mittel da gegeben wird. Es tauchten Wirkungen und vor allem auch Nebenwirkungen auf, welche hinterher genau zu dem jeweiligen Arzneimittelbild passten. Dies konnte aber kein Plazeboeffekt sein, weil ich die Mittel ja nicht kannte und deren Wirkungen schon gar nicht. Schließlich erlebte ich in der Praxis viele Menschen, welche auf Homöopathie schwörten und erlebte einige erstaunliche Dinge.

Diese Erfahrungen wollte ich aber nicht auf dem Blog verarbeiten, da es ja hier eben darum geht Dinge vorzustellen, welche sich in Studien als effektiv für die meisten von uns erwiesen hatten. Ich behielt also eine neutrale Einstellung und schrieb interessierten Lesern, dass ich vielen naturheilkundlichen Methoden beim Reizdarmsyndrom nicht ablehnend gegenüber stünde, ich aber aus wissenschaftlicher Sicht auch keine Empfehlungen abgeben möchte. Diese neue Offenheit und Neutralität hat mir in vielen Bereichen meines Lebens geholfen. Ich habe das Gefühl, dass umso mehr Wissen wir ansammeln, desto undogmatischer werden wir. Im Bachelorstudium war ich ein Schlaumeier und unterteilte die Psychologie in gut und böse (bspw. Warum redete Freud eigentlich immer über Sexualität? Der hatte bestimmt selber einen riesen Komplex! Unwissenschaftlich!). Nach vier Jahren in der Praxis kann ich behaupten, dass die allermeisten meiner Patienten an irgendeinem Zeitpunkt der Therapie auf dieses Thema kommen. Vom Abiturienten bis zur Frührentnerin.

Der nächste Schritt war das tiefere Eintauchen in die Materie anlässlich einer Fortbildung, in welcher das Thema "Naturheilkundliche Mittel in der Psychosomatik" abgehandelt wurde. Wie ich eben so bin, tauchte ich in die Welt der Fachartikel ab. Gab es denn Beweise für die Thesen, welche der Dozent (ein Arzt) aufgestellt hatte. Und die gab es tatsächlich, was mich zugegebenermaßen doch etwas verwirrte. Schließlich wurde mir jahrelang eingehämmert, dass noch nie eine hochwertige randomisierte und plazebo-kontrollierte Studie gezeigt hätte, dass die Homöopathie besser wirke als Plazebo. Wie falsch dieser Satz ist, möchte ich Ihnen also jetzt gern schildern und danach speziell auf den Reizdarm eingehen.

 

Ein kurzes Abtauchen in die Welt der Wissenschaft zu Homöopathie allgemein ist allerdings absolut notwendig, denn ein so kontrovers-diskutiertes Thema kann ich nicht ohne einleitende Diskussion abhandeln. Seien Sie also gespannt auf einige neue interessante Fakten, die Sie so vielleicht noch nie gehört haben.

  


Was ist eigentlich Homöopathie

Die Homöopathie stellte ihre Effektivität in der Praxis, aber auch in klinischen Studien, auch für das Reizdarmsyndrom unter Beweis.
Homöopathie gehört zu den am meisten angewendeten, aber auch am kontrovers-diskutierten Heilmethoden. Welche Seite hat die besseren Argumente? Bild: Dr. Leonora Schwarz via pixelio.de

Bei dem gehörigen Medienrummel und der oft negativen Berichterstattung rund um die Homöopathie wird es wohl kaum einen unter Ihnen geben, welcher noch nichts von dieser Heilmethode gehört hat. Deshalb nur ganz kurz: Die eigentliche Essenz der Homöopathie können Sie sich ganz leicht aus dem Begriff ableiten. Dieser wurde dem Altgriechisch entlehnt und bedeutet so viel wie "ähnliches Leiden". Der Vater der Klassischen Homöopathie, Samuel Hahnemann (1755-1843), stellte die Hypothese auf, dass man ähnliches durch ähnliches heilen müsse (similia similibus curentum). Aufgrund dieses Theorems verordnet der Homöopath stark verdünnte (potenzierte) meist pflanzliche (aber nicht ausschließlich!) Wirkstoffe, welche in hoher Dosis die gleichen Symptome erzeugen würden, wie das individuelle Leiden des Patienten. Hier entsteht oft auch der erste Kritikpunkt, denn die Homöopathie nutzt auch sehr hohe Potenzen (umso höher der Verdünnungsgrad desto höher die Wirkung, so die Meinung der homöopathischen Autoritäten), was so weit getrieben werden kann, dass überhaupt kein Wirkstoff mehr nachweisbar ist. Aus dieser Kritik entwickelte sich auch die Schule der naturwissenschaftlich-kritischen Homöopathie, deren Vertreter den Einsatz von Hochpotenzen dringlichst ablehnen.

 

Ein bedeutendes Element der Homöopathie sind die so genannten Repertorien. Diese Sammlungen von Arzneimittelbildern beruhen auf Arzneimittelprüfungen, welche untersuchten, wie genau ein Mittel auf einen lebenden Organismus wirkt. So arbeitete und experimentierte bspw. Constantin Hering (1800-1880), einer der bekanntesten Homöopathen (Hering-Regel), direkter Schüler Hahnemanns, ehemaliger Bewohner meiner schönen Heimatstadt Zittau und Begründer der Homöopathischen Bewegung in den USA, in Südamerika. Dort betreute er als Arzt u.a. Leprakolonien und prüfte dort u.a. die Wirkungen von Schlangengift.

Aus diesen Repertorien wird nach einer umfassenden ganzheitlichen Analyse (Körper-, Geistes- und Gemütszustand, primäre und sekundäre Symptome) in der Fallanalyse ein passendes Arzneimittelbild ausgewählt. Keinesfalls darf die Verordnung nach dem Schema "bei Symptom A gebe Mittel B" erfolgen. Es muss immer ein Gesamtbild analysiert werden. In Studien erzielte auch nur diese Methode bedeutende Ergebnisse. Dies muss erwähnt werden, weil neben dieser Klassischen Form auch noch weitere Schulen bestehen, welche bspw. Komplexmittel (also Homöopathika, welche die "typischen" Mittel gegen ein bestimmtes Symptom - bspw. Übelkeit - enthalten) verordnen.

 

 

 

Kritik an der Homöopathie - Wie berechtigt ist sie?

Ich kann die Kritik an der Homöopathie in vier zentrale Kategorien zusammenfassen. Somit kann ich besser für oder gegen diese argumentieren.

  1. Es gibt keinen evidenz-basierten Wirkungsnachweis!
  2. Die Überlegenheit in manchen Studien gegenüber Plazebo ist nur der höheren Aufmerksamkeit durch den Homöopathen (supportive-care) geschuldet!
  3. Die Homöopathie erzielt hohe Gewinnspannen und erhält immer mehr Lobby und Marktmacht!
  4. Die Homöopathie widerspricht wissenschaftlichen Erkenntnissen!

Ich werde mich diesen Vorwürfen nun einzeln widmen und dabei vielleicht einige interessante und unbekannte Fakten für Sie darlegen.

 

Zu 1.: Homöopathie wirkt sehr wohl (auch in kontrollierten randomisierten und plazebo-kontrollierten Studien)

Der Vorwurf, die Homöopathie habe "ihre Überlegenheit gegenüber einem Plazebo noch in keiner qualitativ-hochwertigen Studie unter Beweis gestellt" ist schlicht und ergreifend falsch und unsinnig. Dafür reichen einige Literaturrecherchen. Einige unter Ihnen wissen sicherlich, dass wenn man an einem Wirkungsnachweis in der Medizin interessiert ist, sich nicht auf Einzelstudien verlassen sollte. Diese haben teils sehr kleine Stichproben und differieren erheblich in ihrer Qualität. Um dieses Problem zu beheben nutzt man am besten so genannte Metaanalysen, welche zahlreiche Studienergebnisse bündeln und dadurch große Fallzahlen erlangen und dadurch ein besseres Urteil fällen können. Weiterhin legen Metaanalysen Kriterien bezüglich der Qualität der verwendeten Studiendaten fest. So wird sichergestellt, dass nur die verlässlichsten, validen Daten ausgewertet werden.

 

Was sagen solche Metaanalysen über die Homöopathie? Linde und Kollegen (LMU München) analysierten 1997 89 Homöopathiestudien, um die Hypothese zu testen, dass die Effekte der Homöopathie allein dem Plazeboeffekt geschuldet seien (welcher ja bei jeder Therapie eine Rolle spielt). Ihr Ergebnis: eine deutliche Quotientenverschiebung zugunsten der Homöopathie. Die Autoren schlussfolgern:

 

Die Ergebnisse unserer Metaanalyse sind nicht konsistent mit der Annahme, dass die positiven Wirkungen der Homöopathie allein auf den Plazeboeffekt zurückzuführen sind.

 

 

Weitere Metaanalysen (bspw. Davidson und Kollegen, 2011) zeigen Wirkungen der Homöopathie für verschiedene spezifische Erkrankungen, in diesem Fall des psychotherapeutischen Spektrums (somatoforme Störungen, Chronisches Erschöpfungssyndrom, Fibromyalgie etc.).

 

 

Ein "Beleg" der immer wieder von den Kritikern der Homöopathie angeführt wird, ist eine Metaanalyse der Uni Bern (Shang und Kollegen, 2005). Sie verglich 110 homöopathische Untersuchungen mit 110 schulmedizinischen Studien und kam zu dem Ergebnis, dass Homöopathie keine Wirkung zeige, die über ein Plazebo hinausgehe. Natürlich habe ich mir auch diese Analyse angeschaut und kann sagen, dass sie ein mittelschweres Erdbeben ausgelöst hat. Noch nie habe ich so viele und massive Reaktionen auf einen publizierten Fachartikel innerhalb kürzester Zeit erlebt. Homöopathen und andere Wissenschaftlerteams gingen mit der Studie extrem hart ins Gericht. Doch was war eigentlich passiert? Interessanterweise zeigte die Studie erst einmal, dass sowohl Homöopathie als auch Schulmedizin wirkten. Ein weiteres überraschendes Ergebnis war, dass die Homöopathie mehr als doppelt so viele qualitativ-hochwertige Studien in die Analyse einbringen konnte, als die Allopathie. Da sage noch einmal jemand, die Homöopathie wäre wissenschaftlich nicht untersucht.

Doch wie kamen die Berner Forscher nun zu ihrer Conclusio, die Homöopathie wäre nur ein Plazebo? Dafür mussten sie doch tatsächlich einen statistischen Kopfstand vollführen. Sie fügten nämlich so lange Kriterien hinzu, bis nur noch neun homöopathische und sechs allopathische Studien in die Metaanalyse eingingen. Zudem wurden diese verwerteten Untersuchungen nicht einmal referenziert! Nach jahrelangem Protest wurden die Rohdaten veröffentlicht und siehe da: Nicht nur bei Einbeziehung aller qualitativ-hochwertigen Studien fanden sich signifikante positive Ergebnisse, sondern selbst unter den neun Studien, die eigentlich das Gegenteil beweisen sollten. Der Beweis gegen die Homöopathie wurde zu einem Beweis für die Homöopathie. Zu den Aufdeckern dieses Skandals gehörten u.a. Fisher und Kollegen (2005), Kiene und Kollegen (2006) und Mathies und Kollegen (2014). Wie zynisch, dass die Kritiker gerade jene Analyse als Beweis heranziehen, welche eindeutig zeigte, dass qualitativ-hochwertige plazebo-kontrollierte Studien für die Homöopathie vorliegen.

Leider erzielte die Revision der Ergebnisse bei weitem nicht das Medienecho der ursprünglichen Publikation, als viele Zeitungen und Onlineforen getitelt hatten: Wertvollste Studie beweist, Homöopathie ist unwirksam ...

 

Sie sehen, dieser Kritikpunkt ist Humbug.

 

Zu 2.: In Studien wurde gezeigt, dass die Wirkungen der Homöopathie über jene der supportive-care hinausgehen.

Eine der später zitierten Studien an Reizdarmpatienten ist für diesen Punkt besonders interessant, denn hier wurden gleich drei Behandlungsstrategien untersucht: Schulmedizin, Schulmedizin plus Klassische Homöopathie und Schulmedizin plus unterstützende Gespräche im selben Zeitrahmen wie Homöopathische Anamnese. Die Erfolge der Homöopathiegruppe lagen allerdings höher, als jene der Gesprächsgruppe. Es muss also etwas geben, was Homöopathie von einem Plazebo (siehe Punkt 1) und von den Effekten durch die Aufmerksamkeit und Zuwendung des Therapeuten unterscheidet. So lange keine weitere Variable gefunden wird, sollte man meines Erachtens davon ausgehen, dass Homöopathie einfach wirkt.

 

Zu 3.: Auch Homöopathie wird vermarktet, aber man sollte das Verhältnis beachten.

Natürlich gibt es einen Markt für und um Homöopathika. Vor allem die Hersteller der Komplexmittel fungieren wie gewöhnliche Pharmahersteller und betreiben Lobbyarbeit bzw. fördern Studien usw. Doch dabei sollte man bedenken, in welchem Ausmaß das geschieht. Im Jahr 2011 wurden in Deutschland Homöopathika in einem Wert von 389 Millionen Euro umgesetzt. Das klingt erst einmal nach sehr viel Geld. Doch aktuell setzt die Pharmaindustrie in Deutschland jährlich 36,2 und zwar Milliarden(!) Euro um und ein Blick in die Wissenschaft genügt, um zu erfahren, welchen Einfluss die Firmen auf die Forschung nehmen.

Doch auch ohne diesen Mehraufwand an Marketing und Lobbyarbeit wird die Homöopathie weltweit beliebter. Aus welcher Ecke kommen solche unhaltbaren Vorwürfe eigentlich?

 

Zu 4.: Die Homöopathie ist naturwissenschaftlich so unplausibel, wie andere Methoden ebenfalls.

Der Vorwurf der naturwissenschaftlichen Unplausibilität ist für mich der triftigste. Wir verstehen einfach nicht, wie ein kaum noch nachweisbarer Wirkstoff irgendeine Wirkung erzielen kann und soll. Aus dieser Kritik hat sich auch die Schule der naturwissenschaftlich-kritischen Homöopathie entwickelt, welche nur Mittel verwendet, die noch Wirkstoff enthalten.

Doch heißt, dass wir etwas heute nicht verstehen gleichzeitig auch, dass es nicht funktionieren kann? Diesem großen Irrtum waren schon viele Menschen erlegen: Innerhalb der Psychologie erinnere ich an die Annahme eines Unterbewusstseins, welches lange von Verhaltenstherapeuten belächelt wurde. Heute wird es mit Verfahren wie dem IAT erhoben und die Neuropsychoanalyse findet immer mehr neuronale Korrelate. Ähnlich erging es der Hypnose, welche lange Zeit in die Ecke der Esoterik und Parapsychologie gedrängt wurde, um sich über die Jahrzehnte zu einem anerkannten psychotherapeutischen Verfahren zu entwickeln, welches in Fachkliniken angewendet und teilweise von den Krankenkassen finanziert wird.

Sie als Reizdarmpatienten kennen vielleicht ganz andere Beispiele: Erinnern Sie sich eigentlich noch an das Dogma vieler Ärzte, Ernährung habe keinen Einfluss auf die Symptome, oder das Reizdarmsyndrom sei eine funktionelle Erkrankung ohne organische Veränderungen? Heute verschreiben Ärzte weltweit eine so genannte low-FODMAP-Diät und einige bezeichnen das Reizdarmsyndrom schon als chronisch-entzündliche Darmerkrankung mit Beteiligung der Mastzellen, welche auf einem Spektrum mit bspw. dem Morbus Crohn einzuordnen ist.

Sie verstehen worauf ich hinaus will? Wir leben in einer Welt des rasanten Erkenntnisgewinns und was wir heute für Scharlatanerie halten, kann schon morgen geadelt werden. Möge doch endlich die Erfahrung der Menschen mehr gewertschätzt werden! Die Patienten wussten schon vorher, dass bestimmte Speisen einen Einfluss auf den Reizdarm haben und viele glauben eben auch, dass Homöopathie helfe. Warum behalten wir keinen offenen Geist und versuchen unser Bestes, um diese Mechanismen zu verstehen?

 

Ein großes Problem sehe ich übrigens im dichotomischen Denken: Homöopathie als Allheilmittel (Sie brauchen doch keine Chemotherapie!) vs. Homöopathie als Scharlatanerie (Damit können Sie sich vergiften! Bestenfalls ist das doch Plazebo!). Dabei zeigen Studien, dass eine Kombination aus beiden Welten einen besseren Erfolg bringen kann, als eine singuläre Therapie.

 

 

 

Der Einsatz von Homöopathie beim Reizdarmsyndrom

Homöopathie hilft bei einem Reizdarm
Was kann die Homöopathie bei einem Reizdarm ausrichten? Bild: filorosso.eu Manfred Gerber via pixelio.de

Ich hoffe Sie sind nach diesen etwas ausführlicheren Abhandlungen immer noch bei mir, aber diese sind bei einem solchen Thema wohl unumgänglich, denn natürlich soll ein solcher Artikel auch dazu dienen, neues zu lernen, um vorhandene Schemata aufzubrechen oder zu umgehen. Widmen wir uns nun also der Frage, welche Wirkungen die Homöopathie auf das Reizdarmsyndrom zeigt, denn dazu gibt es inzwischen ebenfalls einige Untersuchungen.

 

In einer bedeutenden Pilotstudie verglichen Peckham und Kollegen (2014) die Wirkungen von Schulmedizin mit denen von Schulmedizin plus Homöopathie und denen von Schulmedizin und supportiven Gesprächen im gleichen Zeitumfang auf das Reizdarmsyndrom. Die Homöopathiegruppe war dabei der Schulmedizin und der Gesprächsgruppe überlegen. Zur Illustration: 62,5% der homöopathisch behandelten Patienten erreichten eine zufriedenstellende Besserung, während dies nur 25% der Schulmedizingruppe berichteten.

 

Peckham und Kollegen (2013) berichten in ihrem Review von gleich zwei Studien welche deutliche signifikante Effekte homöopathischer Mittel auf das Reizdarmsyndrom mit Verstopfung zeigten.

 

In einer weiteren Studie von Owen (1990) wurden Frauen mit einem Reizdarm entweder mit einem sehr hoch dosierten Antispasmodikum (vgl. Mebeverin) oder Klassischer Homöopathie behandelt. Die positiven Effekte waren vergleichbar, während die Homöopathiegruppe komplett ohne Nebenwirkungen blieb.

 

Neben diesen kontrollierten Studien finden sich noch sehr viele homöopathische Fallsammlungen zum Reizdarmsyndrom mit teils 20-25 Patienten. Ich verzichte hier allerdings auf eine Auswertung der durchweg positiven Ergebnisse, da bei Fallsammlungen natürlich ein hohes Risiko der Verfälschung besteht. Welcher Arzt publiziert schon gern Fälle, bei denen er nicht helfen konnte?

 

Zusätzlich zu den genannten Arbeiten sind einige weitere Studien durchaus interessant, in welchen mit dem RDS assoziierte Erkrankungen betrachtet werden. So zeigte die Mataanalyse von Davidson und Kollegen (2014) positive Auswirkungen der Homöopathie in der Psychosomatik, bei der Behandlung von Fibromyalgie, Chronischem Erschöpfungssyndrom und somatpformer Störung.

Grimaldi-Bensouda und Kollegen (2016) interessierten sich besonders für das homöopathische Potenzial bei Angststörungen und Depressionen. Sie schauten sich 710 Patienten mit diesen Störungen an, welche von Schulmedizinern, Schulmedizinern, die Homöopathie begleitend einsetzten und von ausschließlichen Homöopathen behandelt wurden. Keine Überraschung war, dass Homöopathieanwender deutlich weniger Psychopharmaka konsumierten, denn besonders pharmakritische und ganzheitliche Menschen wenden sich der Homöopathie zu. Das zentrale Ergebnis überraschte hingegen sehr, denn trotz des geringeren Chemieeinsatzes erzielten die Patienten der Homöopathen die besseren Ergebnisse!

 

Abschließend kann man wohl sagen, dass die Datenlage beim Reizdarmsyndrom nicht erdrückend positiv ist, aber Grund zur Hoffnung macht. Es braucht natürlich noch mehr qualitativ-hochwertige Studien. Die Arbeiten von Peckham, besonders die dreiarmige Studie sind dabei wirkliche Lichtblicke.

 

Ich hoffe, dass ich Ihnen mit dieser Übersicht einige Denkanstöße geben konnte. Dabei geht es mir gar nicht um das Anerkennen der Homöopathischen Medizin, als vielmehr um das Erlernen von Offenheit für neue Erfahrungen (ja, ein Faktor des Fünf-Faktoren-Modells der Persönlichkeit *schmunzel*). Bleiben Sie immer schön kritisch, damit Sie keinen Scharlatanen auf den Leim gehen. Aber behalten Sie sich auch Ihre Neugierde und die Faszination für Wunder bei. Wenn so viele Menschen von etwas schwärmen, dann könnte doch tatsächlich etwas daran sein ...

Auch ich setze nach den ersten Fortbildungen die Homöopathie probeweise in meiner Praxis ein. Wer hätte das noch vor wenigen Jahren gedacht :). Vielleicht berichte ich Ihnen in einigen Jahren wie toll das Ganze funktioniert, vielleicht auch genau das Gegenteil. Wenn Sie mit mir homöopathisch oder psychotherapeutisch zusammenarbeiten möchten, dann finden Sie mich im Dreiländereckchen unter Psychotherapie-Struppe.

 

Alles Liebe und viel Gesundheit!