Buchrezension: Dr. Martin Storr - Großer Patientenratgeber Reizdarmsyndrom

Professor Dr. med. Martin Storr hat etwas geschafft, oder vielmehr geschaffen, auf das Reizdarmpatienten und vor allem auch Therapeuten und Ärzte sehnsüchtig gewartet haben: Er schrieb und veröffentlichte die erste wirklich umfang- und hilfreiche Einführung in das Thema Reizdarmsyndrom. Zu kaum einer Erkrankung findet man mehr Theorien und Spekulationen, hört man mehr unterschiedliche Arztempfehlungen. Storr, Facharzt für Gastroenterologie an der Ludwig- Maximilians- Universität in München mit dem Schwerpunkt Funktionelle Verdauungsbeschwerden räumt mit vielen noch immer verbreiteten Mythen auf und lässt kaum ein Thema unangesprochen - von der Wirkung des weiblichen Menstruationszyklus bis zum EURO- WC- Schlüssel ...

Der erste Eindruck

Der Ratgeber wirkt gut verarbeitet und glänzt mit vielen Grafiken, Tabellen und einigen Bildern. Die Darstellung des Inhalts ist sehr übersichtlich und wird immer wieder durch farbige Hervorhebungen der wichtigsten Aussagen unterstützt.

 

Trotz der teilweise komplexen Sachverhalte ist es dem Autor gelungen, den Lesefluss aufrecht zu erhalten. Die jeweiligen Inhalte sind leicht verständlich und auf unnötige Fachbegriffe und Erklärungen wurde weitgehend verzichtet, so dass auch medizinische Laien und absolute Neulinge ihre Freude haben können und werden.

 

Der Inhalt

Die Aufteilung des Inhalts ist typisch für einen einführenden Ratgeber: Zuerst finden wir viele Fakten zum Reizdarm (Definition, Häufigkeit, Begleiterkrankungen). Danach unternehmen wir einen kurzen Ausflug in die Anatomie und Physiologie der menschlichen Verdauungsorgane, bevor wir uns den einzelnen Symptomen zuwenden. Bis dahin ist der Inhalt vielen "alten Hasen" sicherlich bekannt.

Die eigentliche Stärke des Buches beginnt dann beim nächsten Abschnitt: den Ursachen. Hier merkt man dem Skript nämlich deutlich seine Aktualität (Veröffentlichung 10/2014 an. Storr geht hier u.a. auf das Postinfektiöse Reizdarmsyndrom, die viszerale Hypersensitivität und mögliche genetische Ursachen ein.

Es folgt ein Kapitel über psychiatrische Erkrankungen und deren Zusammenhang mit dem RDS und eine Abhandlung über soziale Faktoren (Wie sollten sich Angehörige verhalten? Beeinflusst RDS das Sexualleben? Ist das Reizdarmsyndrom rechtlich gesehen eine Behinderung? usw.) 


Sehr angenehm fiel uns die Gestaltung des Inhalts als eine Art FAQ (Häufig gestellte Fragen) auf. So bleiben die kurzen und konkreten Antworten übersichtlich und der Autor verliert sich nicht in vielen Nebenthemen, weiterführenden Hinweisen o.ä.

 

Als nächstes werden die Themen Diagnose und Differentialdiagnose abgehandelt, wobei u.a. auch auf Glutensensitivität und Dünndarmfehlbesiedlung eingegangen wird.

 

Schließlich dreht sich alles um die Therapie des Reizdarms. Zuerst wird die schulmedizinische Behandlung vorgestellt (auch auf Probiotika, Antidepressiva und Flohsamenschalen wird eingegangen), dann widmet sich Storr sogar alternativmedizinischen Ansätzen (Akupunktur, Bauchhypnose), bevor er dann zur Ernährung kommt und dort u.a. die FODMAP- Diät vorstellt und eine kurze deutsche Lebensmittelliste präsentiert.

 

Das Buch endet mit einigen allgemeineren Themen (Sport, Selbsthilfegruppen, viele nützliche Adressen).

 

Was ist nicht so gut gelungen?

Für einige sehr erfahrene Leser, welche seit Jahren selbst zum Thema recherchieren und forschen, kann das Buch wenig neues bieten. Unserer Meinung nach hat sich Martin Storr hier absolut richtig entschieden, denn obwohl er gegenüber den meisten Ratgebern sehr viele neue Begriffe einführt (Dünndarmfehlbesiedlung, Probiotika, Stuhltransplantation, Glutensensitivität usw.), überlässt er es dem Leser, sich weiter zu informieren, anstatt durch eine zu hohe Informationsdichte zu verwirren.

 

In einigen Punkten widerspricht Professor Storrs Meinung unseren eigenen Erfahrungen (bspw. Ballaststofftherapie für Durchfallpatienten), aber hier kann man getrost seiner langjährigen Expertise vertrauen und es auf einen Versuch ankommen lassen.

 

Was ist sehr gut gelungen?

Martin Storr ist es gelungen, ein überaus lesenswertes Buch zum Thema Reizdarm zu schreiben, das wirklich jede Frage zum Thema abdeckt. Gerade Einsteiger sehen sich einer Informationsflut gegenüber, welche der Autor jedoch gut zu bahnen weiß. Einige der Konzepte werden lediglich angetriggert und verbleiben als Anregungen für das Selbststudium.

 

Bisher gelang es noch keinem deutschen Reizdarm- Ratgeber sich so sehr in die Patientenperspektive zu versetzen. Storr vollzieht hier eine Kehrtwende der oft bevormundenden Literatur und geht mit großem Verständnis auf die Sorgen und Ängste der Betroffenen ein.

 

Dennoch versteht er es, so manchem langjährigen Patienten den Kopf gerade zu rücken. So spricht er sich u.a. gegen einen oft wiederholten Diagnosemarathon aus. Aber auch dies geschieht mit Empathie für die geplagten Patienten.

 

 

FAZIT: Professor Storr hat unserer Meinung nach das beste deutschsprachige Buch zum Thema Reizdarm geschrieben. Es ist medizinisch auf dem neuesten Stand, übersichtlich gestaltet und vor allem bietet es Anregungen zur praktischen Umsetzung.

Gerade für neu diagnostizierte Betroffene und ihre Angehörigen ist das Buch beinahe ein Pflichtkauf, denn seien wir ehrlich: Wo findet man so viele nützliche Informationen gebündelt? Den Hausärzten fehlt oft die nötige Zeit und in Foren, Blogs etc. finden sich auch viele halbwahre Informationen und natürlich finanzielle Interessen. Doch nur ein gutes und umfangreiches Wissen rüsten für einen aktiven Beitrag zur Lösung der RDS- Problematik!

 

Das Buch erhält deshalb von uns 4,5 von 5 Punkten und ist eine absolute Kaufempfehlung!

 


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