Schleim im Stuhl: Solltest du dir Sorgen machen?

Vergangenen Dienstag war es wieder einmal soweit. Der Inhalt des Anrufs kam in diesem Moment zwar unerwartet, doch natürlich hatte ich das geschilderte Phänomen niemals aus den Augenwinkeln verloren. Dafür kommt es ja auch in einer viel zu planmäßigen Regelmäßigkeit vor.  Am anderen Ende der Leitung hatte sich eine junge Klientin von mir gemeldet, welche ich erst seit kurzer Zeit betreuen darf. Die Ärmste steht gerade erst am Beginn ihrer Arbeit mit dem Reizdarmsyndrom (und einer zusätzlichen Sozialen Phobie) und wird von zahlreichen Sorgen um ihre Gesundheit umgetrieben, was ihr das Leben nicht gerade erleichtert. Und nun das: Ein klarer dünnflüssiger Schleim im Stuhl und auf dem Toilettenpapier raubte ihr den wohlverdienten Schlaf. Hatte sie in diesem Zusammenhang nicht einmal etwas von Morbus Crohn oder sogar Darmkrebs gelesen? (Shut the f*ck up, DR. GOOGLE!) Vielleicht war es bei ihr ja doch kein Reizdarm ... 

 

Nach einem recht langen Telefonat mit vielen beruhigenden Worten und einer sich daran anschließenden Psychotherapieeinheit, in welcher unter anderem genau dieses Thema und die damit verbundenen Ängste thematisiert worden waren, hatte ich das gute Gefühl, dass ich ihr die meisten ihrer Sorgen nehmen konnte. Doch meine Klientin war eben nur eine unter vielen Tausenden.

 

Immer wieder erreichen mich die gleichen Fragen per Mail: 

  • "Woher kommt dieser komische Schleim in meinem Stuhl?"
  • "Muss ich mir deshalb Sorgen machen?"
  • "Habe ich vielleicht gar keinen Reizdarm, sondern [beliebige bedrohliche gastrointestinale Erkrankung einsetzen]?"

Das ist für mich tatsächlich beängstigend, denn es zeigt mir, dass es mit der Bereitstellung von Informationen über den Reizdarm seitens der Hausärzte, Gastroenterologen, aber auch der Gesundheitsdienstleister im Internet nicht besonders weit her ist.  

 

Schließlich gehört der seltsame Schleim im Stuhl zu den häufigsten Symptomen des Reizdarmsyndroms! Auch, wenn komischerweise niemand darüber spricht ... 

 

Es wird also wirklich Zeit mit einigen Missverständnissen aufzuräumen und über dieses doch sehr verbreitete Symptom des Reizdarms aufzuklären.

Bild eines fliehenden Reizdarmpatienten vor einem Toilettenhäuschen. Darüber der Spruch: Keine Panik! Schleim im Stuhl ist bei einem Reizdarm normal.
Schleim im Stuhl oder am Toilettenpapier hat schon so einigen Betroffenen des Reizdarmsyndroms die Sorgenfalten auf die Stirn getrieben. Doch dieses oft verschwiegene Symptom ist tatsächlich sehr weit verbeitet und scheint kein Grund für Besorgnis zu sein

Schleim im Stuhl ist eines der häufigsten, wenn auch oft verschwiegenen, Symptome des Reizdarms

Im Jahre 2008 veröffentlichte ein Team von Wissenschaftlern unter der Federführung von Professor Uday Ghoshal, einer Koryphäe auf dem Gebiet der Forschung rund um den Reizdarm, eine Abhandlung mit dem Titel "Epidemiologisches und klinisches Profil des Reizdarmsyndroms" (Ghoshal und Kollegen, 2008).  In dieser Arbeit hatten die Wissenschaftler die Beschwerdebilder von über 2.800 Patienten mit einem Reizdarmsyndrom aus mehreren klinischen Zentren gebündelt und kategorisiert. Bei der Häufigkeit der erfassten Symptome gab es eine Überraschung: Auf die für den Reizdarm typischen Bauchschmerzen und das Gefühl der unvollständigen Darmentleerung nach dem Stuhlgang folgte bereits der Schleim im Stuhl. Knapp 55% der hier beobachteten Patienten mit einem Reizdarmsyndrom berichteten über Schleimabgänge mit dem Stuhlgang. Damit lag der Schleim im Stuhl sogar noch vor den eigentlich "klassischeren" Beschwerden Durchfall, Verstopfung oder starkes Pressen beim Stuhlgang! 

 

Das ist extrem verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Veränderungen des Stuhlgangs Durchfall und Verstopfung neben den Bauchschmerzen Eingang in die Definition des Reizdarmsyndroms nach den ROM-IV-Kriterien fanden,  der Schleim im Stuhl dort aber völlig unerwähnt blieb. 

Auch von den Ärzten und den Betroffenen selbst wird dieses Symptom sehr häufig mit Nichtbeachtung oder sogar Schweigen gestraft. Spricht man über das Reizdarmsyndrom ist eigentlich immer von Bauchschmerzen, Blähungen, Verstopfung oder Durchfall die Rede. Manchmal diskutiert man auch Begleitsymptome wie Übelkeit, Appetitlosigkeit oder depressive Verstimmungen. Aber, Hand aufs Herz, Schleim im Stuhl? 

 

Über die Gründe für dieses Verhalten kann ich nur mutmaßen. Vielleicht ist es einfach so, dass der Schleim im Stuhl eben keine Einschränkung des täglichen Lebens darstellt, wie es die quälenden Schmerzen oder eine unvorhersehbare Durchfallattacke tun. Nichtsdestotrotz scheint allein das regelmäßige Auftreten dieses Schleims viele Betroffene massiv zu verunsichern und trägt allein dadurch schon zur Krankheitslast und Minderung der Lebensqualität bei. 

Es war nicht immer so: Die "schleimige Colitis" und die Anfänge der Reizdarm-Forschung

Ausschnitt eines Fachartikels des Arztes Stacey Wilson aus dem Jahr 1909: Schmerzen bei der schleimigen Colitis, deren Hauptsymptom ist Schleim im Stuhl.
Schleim im Stuhl ist trotz der aktuellen Nichtbeachtung ein so prominentes Symptom des Reizdarms, dass einer der ersten Namensvorschläge der Ärzte "schleimige Colitis" lautete.

Der Begriff des Reizdarmsyndroms ist erst seit den 40er und 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts für unsere Erkrankung gebräuchlich. Doch bereits vor dieser Zeit mussten sich die praktizierenden Ärzte mit den Beschwerden des Reizdarms auseinandersetzen. In einem Fachartikel im "British Medical Journal" beschrieb etwa Dr. Stacey Wilson das klinische Bild und die komplexe Behandlung einer Darmerkrankung ohne organische Ursachen, aber mit Bauchschmerzen und Stuhlveränderungen (Wilson, 1909). Das vereinende Element der unterschiedlichen Beschwerdebilder, heute würden wir sie "Subtypen" nennen, war für die Ärzte dieser Zeit der Schleim im Stuhl. Dieses auffällige Symptom war so prominent vertreten, dass einer der ersten Namensvorschläge für unsere Erkrankung "Mucous Colitis", also "schleimige Colitis" lautete. Damit lagen die Briten meiner Einschätzung nach immer noch deutlich besser, als spätere deutschsprachige Ärzte mit ihrer "Darmneurose". Aber ich schweife ab ... 

Woher kommt der Schleim im Stuhl beim Reizdarmsyndrom (RDS)?

Die meisten Darmpatienten wissen, dass eine dicke Schicht Mukus bzw. Schleim einen effizienten Teil unserer Darmbarriere bildet. Wir sprechen aus diesem Grund bei der produzierenden Struktur von der Darmschleimhaut (mukosa). Der Schleim bildet eine gewaltige Netzwerkstruktur über unsere gesamte Darmoberfläche. Ohne dieses Netzwerk wäre eine solch enorme Zahl an Darmbakterien für unser Immunsystem überhaupt nicht verkraftbar, denn der Schleim trennt unsere Epithelzellen von dieser bakteriellen Last und verhindert dadurch effektiv Inflammations- und Infektionsprozesse (Hansson, 2013). 

Bei jedem Stuhlgang geht prinzipiell etwas von diesem Schleim verloren, allerdings ist die Menge bei gesunden Menschen so gering, dass wir den Mukus mit dem bloßen Auge nicht erkennen könnten. 

 

 So weit, so gut. Nun sind der Wissenschaft aber verschiedene Faktoren bekannt, welche zu einem Aufbrechen unserer Darmbarriere und damit zu einer vermehrten Abgabe von Schleim im Stuhl führen. An erster Stelle stehen hierbei bakterielle Infektionen, aber auch weitere entzündliche Prozesse, z.B. im Rahmen der verschobenen Darmflora oder Dysbiose (Sattar & Singh, 2019). Im Ergebnis findet sich ein klarer, oder weiß-trüber bis leicht ins gelbe reichender Schleim im Stuhl bzw. am Toilettenpapier.  Das ist natürlich erst einmal keine gute Sache, denn eine gestörte Darmbarriere kann vielerlei Probleme nach sich ziehen. Allerdings kann ich auch erst einmal Entwarnung geben: Beide Faktoren - Mikroentzündungen und bakterielle Infektionen sind typische Merkmale des Reizdarmsyndroms (Cuomo und Kollegen, 2007; Ng und Kollegen, 2018).

Williams und Kollegen (2016) weisen außerdem darauf hin, dass Schleim im Stuhl besonders häufig kurz nach einer Ernährungsumstellung beobachtet werden kann, z.B. wenn der Darm erst lernen muss, mit einer größeren Menge Fett in der Ernährung umzugehen. Dies könnte einen Hinweis darauf geben, warum viele meiner Leser nach diesem Phänomen fragen. Schließlich geht es hier hauptsächlich um Dinge wie die low-FODMAP-Diät, die Spezielle Kohlenhydratdiät usw.

 

Solltest du dir über Schleim in deinem Stuhl Sorgen machen?

Ich möchte noch einmal betonen, dass Schleim im Stuhl keinesfalls als alleiniges Warnzeichen für eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung gedeutet werden sollte. Schließlich gehört dieses seltsame Phänomen laut den Forschern zu den häufigsten Symptomen des Reizdarmsyndroms. Diese Überschneidung zu Colitis ulcerosa und Morbus Crohn erklärt sich über deren geteiltes Spektrum der Pathomechanismen mit dem Reizdarm, zu denen eben auch Mikroentzündungen und chronische bakterielle Infektionen zählen.  Schleim in deinem Stuhl solltest du allerdings aus zwei Gründen dennoch ernst nehmen:

  1. Treten weitere Alarmsignale wie Blut im Stuhl, nächtliche Durchfälle, Gewichtsverlust oder Fieber hinzu, solltest du dich unbedingt noch einmal bei einem Gastroenterologen vorstellen. Diese Zeichen können auf eine aktive Infektion oder auch eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung hinweisen. 
  2. Regelmäßiger Schleim im Stuhl (Ausnahme: kurzfristiger Prozess nach Ernährungsumstellung) deutet auf einen degenerativen Prozess der Darmbarriere hin. Es ist also durchaus möglich, dass du in die nächste Stufe deiner Krankheit Reizdarm gleitest, wenn du jetzt nicht aktiv wirst! Eine gestörte Darmbarriere begünstigt das Übertreten von Mikroorganismen, Proteinen und Endotoxinen in den Organismus. Die möglichen Folgen sind systemische Entzündungen, Autoimmunität, Neuroinflammation und eine dauerhafte Irritation des Immunsystems (evtl. Chronisches Erschöpfungssyndrom oder Mastzellaktivierung). 

Du solltest Schleim im Stuhl also nicht überbewerten. Beobachte erst einmal, ob sich das Phänomen nach einigen Tagen wieder beruhigt, besonders falls du gerade die SCD oder ähnliche Diäten begonnen hast. Verschwindet das Symptom nicht von selbst, hast du aus meiner Sicht umso mehr Gründe, dich in eine effektive Therapie zu stürzen! Meine Empfehlungen nach über 20 Jahren persönlicher und knapp sieben Jahren therapeutischer Erfahrung mit dem Reizdarm wären (nach Priorität):

  1. Ernährungsumstellung zur Restaurierung einer gesunden Darmflora nach der SCD! 
  2. Selektives Anfüttern probiotischer, barrierestärkender Darmbakterien mit Beta-Galaktooligosacchariden! 
  3. Glutamin zur Stärkung der Darmbarriere, besonders bei Schleim im Stuhl und postinfektiösen Prozessen! 
  4. Bei entzündlichen Prozessen unter Beteiligung von Mastzellaktivierung, Nahrungsmittelallergien etc. DNCG!

Alle diese Vorschläge sind übrigens zahlreich in Studien als effektiv und sicher bestätigt worden (siehe dazu auch meine Empfehlungsseite mit Studienhinweisen).

 

Viel Erfolg und immer schön die Nerven bewahren! 

Euer Thomas