Alexithymie ist einer der wichtigsten Prädiktoren für den Therapieerfolg beim Reizdarmsyndrom

Die Alexithymie ist ein Konzept der Psychosomatik. Studien zufolge ist sie eine der bedeutendsten Variablen für den Therapieerfolg beim Reizdarmsyndrom. Bild: Jutta Rotter via Pixelio.de
Die Alexithymie ist ein Konzept der Psychosomatik. Studien zufolge ist sie eine der bedeutendsten Variablen für den Therapieerfolg beim Reizdarmsyndrom. Bild: Jutta Rotter via Pixelio.de

In der kürzlich veröffentlichten Erfolgsgeschichte von Jennifer sprach diese auch über die Körperpsychotherapie. Seitdem haben mich einige Mails erreicht, in denen großes Interesse an diesem Thema bekundet wurde. Bevor ich allerdings mit meinen Lesern in die Praxis einsteigen kann, also schildere, wie eine solche Therapiesitzung aussehen kann, muss ich noch einige zentrale Begriffe der Psychosomatik klären.

Bitte bekommen Sie jetzt keine Angst: Im Gegensatz zur landläufigen Meinung nimmt die Psychosomatische Medizin nicht an, dass einzelne Krankheiten durch psychische Probleme entstehen oder sogar nur eingebildet sind. Ganz im Gegenteil! Das Erkenntnisinteresse der Psychosomatik ist eher eng gefasst und beschäftigt sich hauptsächlich mit Erkrankungen, welche medizinisch klar definiert sind und bei denen bereits organische Pathomechanismen validiert wurden. Sie versucht den Einfluss psychischer Faktoren auf biopsychosoziale Krankheitsmodelle zu ergründen, wozu das Reizdarmsyndrom schon allein wegen der wissenschaftlich unumstrittenen Störung der Hirn-Darm-Achse auf jeden Fall gehört.

 

Eines der psychosomatischen Konzepte, welches Sie auf jeden Fall kennen sollten, wenn Sie unter einem Reizdarmsyndrom leiden, ist die so genannte Alexithymie. Diese wird schon seit langer Zeit von den Wissenschaftlern im Zusammenhang mit unserer Erkrankung diskutiert. Eine neue Studie von Porcelli und Kollegen (2017) zeigte, dass die Alexithymie sogar eine der wichtigsten Variablen für den Therapieerfolg, also die Symptomverbesserung während und nach einer Behandlung der Reizdarmbeschwerden, ist. Die Forscher schließen, dass Ärzte RDS-Patienten mit Alexithymie besser erkennen lernen sollten und dass Schulungen der emotionalen Regulation und Wahrnehmung zu besseren Therapieerfolgen führen könnten.

 

In diesem Artikel möchte ich Ihnen deshalb kurz und übersichtlich vorstellen, was die Alexithymie ausmacht und welche wissenschaftlichen Hinweise es auf einen Zusammenhang mit dem Reizdarmsyndrom gibt.

 


Was ist eigentlich eine Alexithymie?

Alexithymie bezeichnet in der Psychologie eine stabile Persönlichkeitseigenschaft. Hauptmerkmal ist die inadäquate Wahrnehmung und Beschreibung von Emotionen. Es besteht die Gefahr der Somatisierung. Bild: S. Hofschlaeger via pixelio.de
Alexithymie bezeichnet in der Psychologie eine stabile Persönlichkeitseigenschaft. Hauptmerkmal ist die inadäquate Wahrnehmung und Beschreibung von Emotionen. Es besteht die Gefahr der Somatisierung. Bild: S. Hofschlaeger via pixelio.de

Das Konzept der Alexithymie wurde erstmals 1973 von dem Psychotherapeuten Peter Sifneos beschrieben. Wörtlich übersetzt bedeutet es "keine Worte für Emotionen/Stimmungen". Hauptmerkmal des Persönlichkeitskonstrukts ist die mangelnde Wahrnehmung und Einordnung eigener Emotionen, woraus mehrere weitere Problematiken resultieren. So können die Betroffenen ihre Gefühle nur sehr schwer oder manchmal auch gar nicht in Worte fassen und auch die Interpretation der Emotionen anderer Menschen (und damit auch Gründe für gezeigtes Verhalten) ist mangelhaft ausgeprägt. Letzteres erschwert die Bindung bzw. interpersonale Interaktionen.

Ersten Untersuchungen zeigen knapp unter 10% der Gesamtbevölkerung Zeichen einer Alexithymie, wobei das Persönlichkeitskonstrukt allein keinen Krankheitswert darstellt. Im Zusammenhang mit einigen psychischen und körperlichen Erkrankungen steigt die Rate aber auf bis zu 85%! Zu den psychiatrischen Krankheiten, welche in einem besonders engen Zusammenhang mit der Alexithymie stehen, gehören die Posttraumatische Belastungsstörung, Essstörungen, die depressive Verstimmung, die soziale Phobie (Angst vor sozialer Interaktion, Bewertung durch andere) und verschiedene Suchterkrankungen. Doch auch körperliche Erkrankungen zeigen diesen Zusammenhang. Wissenschaftliche Beweise gibt es u.a. für die chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, das Reizdarmsyndrom, allergische Erkrankungen, Asthma und die Fibromyalgie.

 

Doch was sind die Ursachen dieser Abweichung von der Norm? Bis heute gibt es noch keine allgemein gültige Erklärung für die Entwicklung einer Alexithymie. Die meisten Betroffenen haben es übrigens mit einer primären Form zu tun, was bedeutet, dass es sich um eine stabile Persönlichkeitseigenschaft über die Lebensspanne handelt. Weitaus seltener findet sich die sekundäre Alexithymie, welche mit dem Abebben eines akuten, sehr starken Stressors wieder verschwindet. Zur primären Form passen Studienergebnisse, welche die Alexithymie in Verbindung mit spezifischen Genen bringen, die wiederum mit dem Serotoninstoffwechsel assoziiert sind (Kano & Kollegen, 2012), Weiterhin finden sich Hinweise, dass es bei der Alexithymie zu Kommunikationsschwierigkeiten zwischen rechter (Emotionen) und linker (Sprache) Hirnhälfte kommt (Jessimer & Markham, 1997).

 

Wie kommt es nun aber zu den doch recht starken Korrelationen mit psychischen und körperlichen Erkrankungen? Unter anderem wird in der Psychosomatik postuliert, dass die Unfähigkeit Emotionen gezielt zu modulieren zu einer "psychischen Überspannung" führt. Diese entlädt sich durch impulsives Verhalten, wie es u.a. bei verschiedenen Essstörungen, Suchterkrankungen und Sexualstörungen beobachtet werden kann.

Bei den eher körperlichen Erkrankungen könnte die fehlende kognitive Bearbeitung starker Emotionen zu einer Überaktiverung des autonomen Nervensystems und endokriner Regelkreise führen.

 

 

Alexithymie und Reizdarmsyndrom

Studien zeigen, dass bis zu 66% der Reizdarmpatienten signifikant erhöhte Werte für das Persönlichkeitskonstrukt Alexithymie zeigen. Die Ursachen sind aber noch unklar. Bild: www.jenafoto24.de via pixelio.de
Studien zeigen, dass bis zu 66% der Reizdarmpatienten signifikant erhöhte Werte für das Persönlichkeitskonstrukt Alexithymie zeigen. Die Ursachen sind aber noch unklar. Bild: www.jenafoto24.de via pixelio.de

Wir wissen heute, dass die Alexithymie bei einigen körperlichen und seelischen Erkrankungen deutlich gehäuft diagnostiziert werden kann (siehen oben). Findet sie sich bei knapp unter 10% der Gesamtbevölkerung, könnten in der Reizdarm-Patientengemeinde immerhin bis zu 66% betroffen sein (Padhy & Kollegen, 2015, Muscatello & Kollegen, 2016). Ein doch recht deutlicher Zusammenhang. Weiterhin aufmerken lassen sollte jene Gruppe von Erkrankungen, zu welcher sich das Reizdarmsyndrom in diesem Punkt gesellt: Reizmagen, Migräne, Fibromyalgie, funktioneller Schwindel. Zum einen handelt es sich um so genannte "funktionelle Erkrankungen", deren körperliche Ursachen und Krankheitsmechanismen (noch!) nicht vollständig geklärt sind, zum anderen sind alle diese Störungen mit dem Reizdarmsyndrom assoziiert. So finden wir unter den RDS-Betroffenen beispielsweise eine Rate von 33% für die Fibromyalgie, während ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung gerade einmal 4% beträgt (Sperber & Kollegen, 1999). 

 

Zahlreiche Studien haben inzwischen gezeigt, dass Reizdarmpatienten signifikant und konsistent höhere Werte für Alexithymie erzielen und dies nicht nur im Vergleich mit gesunden Kontrollpersonen, sondern auch mit Patienten chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen (bspw. Porcelli & Kollegen, 1999). Doch damit nicht genug! Die Alexithymie wirkt sich tatsächlich stark auf den Therapieerfolg beim Reizdarmsyndrom aus (Porcelli & Kollegen, 2003). Patienten, welche keine größeren Fortschritte bei der Behandlung erzielen konnten, waren in Studien durch zwei Hauptvariablen gekennzeichnet: depressive Verstimmungen und Alexithymie. Die statistische Auswertung zeigte allerdings, dass die Alexithymie einen deutlich höheren Einfluss hatte.

 

 

Alexithymie & Reizdarmsyndrom: Was ist zu tun?

Fassen wir das Gelernte noch einmal kurz und knapp zusammen:

  • Alexithymie ist die Unfähigkeit Emotionen adäquat wahrzunehmen und zu beschreiben.
  • Sie ist ersten Erkenntnissen nach genetisch, stressbezogen und hemisphärenspezifisch verursacht.
  • Sie spielt eine Rolle bei zahlreichen psychischen und körperlichen Erkrankungen.
  • Durch direkten Einfluss auf das Autonome Nervensystem und endokrine Regelkreise kommt es zur Somatisierung.
  • Wir finden die Alexithymie bei bis zu 66% der RDS-Patienten, aber in unter 10% der Gesamtbevölkerung.
  • Therapieresistente RDS-Patienten leiden besonders verstärkt unter Alexithymie.

Porcelli und Kollegen (2017) haben in ihrer neuen Studie schon darauf hingewiesen: Neben den klassischen medizinischen Methoden (Medikamente, FODMAP-Reduktion usw.) sollte verstärkt Aufmerksamkeit auf Emotionsbewusstsein und -regulation gelegt werden! Sie glauben nicht, dass dies Ihre Darmsymptome lindern könnte? Famam und Kollegen (2014) testeten diese Hypothese bereits, indem sie RDS-Patienten symptomatisch-medikamentös oder zusätzlich mit Emotionsarbeit behandelten. Letztere reduzierten ihre Bauchschmerzen signifikant stärker (54% vs. 36%) und berichteten auch eine deutlichere Verbesserung der Schmerzfrequenz (Wie häufig traten Bauchschmerzen auf? 60% vs. 43%).

 

Jetzt komme ich zum eigentlichen Punkt dieses Artikels, nämlich dem Zusammenhang mit der Körperpsychotherapie. Zum jetzigen Zeitpunkt sollten Sie verstanden haben, was die Alexithymie ist, wie präsent sie bei einem Reizdarmsyndrom vorkommt und dass ihre Behandlung zu verbesserten Therapieerfolgen führen kann. Für das Zugänglichmachen von Emotionen eignet sich aber besonders gut die Körperpsychotherapie, weil sie den kritischen rationalen Faktor ausklammern und somit auf einer evolutionär frühzeitiger gewachsenen Ebene abeiten kann. Die so genannten Mind-Body-Approaches sind Vorreiter in der Psychosomatischen Medizin und machen Emotionen auf eine ganz andere Weise erfahr-, erleb- und interpretierbar. Auch deshalb funktionieren Verfahren wie die Funktionelle Entspannung nach Marianne Fuchs so gut für das Reizdarmsyndrom (Lahmann & Kollegen, 2010). Doch dazu dann mehr in einem der nächsten Artikel.

 

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