Gastbeitrag: Loperamidabhängigkeit und Entzugssyndrom

Den folgenden Erfahrungsbericht hat uns Alexandra liebenswerterweise zur Verfügung gestellt. Er schildert eindrucksvoll die Gefahren eines nicht verantwortungsvollen Medikamentenkonsums. Dies kann gerade auch für nicht verschreibungspflichtige Medikamente gelten, da sie bspw. in großen Mengen über das Internet bestellt werden können und der betreuende Mediziner über keine Kontrollmöglichkeit verfügt.

 

Vielleicht können wir alle etwas aus Alexandras Erfahrungen lernen.

Neben meinem Laptop stehen zwei prall gefüllte Einkaufstüten und warten schon darauf, dass sie ausgepackt werden. Ich komme gerade von einem Shoppingabstecher aus der Innenstadt, denn mein Freund hat in ein paar Tagen Geburtstag. Also habe ich in zahlreichen Läden herum gestöbert (richtig: gestöbert, nicht nur kurz hineingestürmt, Produkte meines Begehrs an mich gerissen und wieder hastend in die Sicherheit meiner Wohnung geflüchtet), habe etwas mit den Verkäuferinnen getratscht und mir noch einen Coffee to Go besorgt. Vorher war ich eine traumhafte Runde um den herbstlichen See joggen. Die ersten Bäume haben sich schon gelbrot eingefärbt und der Wind zersauste mir die Haare.

 

HALT! Was hat das denn jetzt alles mit Loperamid zu tun?

 

Eine ganze Menge, denn noch vor zwei Jahren hätte ich mich niemals ohne eine Überdosis Loperamid aus dem Haus gewagt. Heute kann ich dank einer Ernährungsumstellung und anderer Therapiebausteine endlich wieder Dinge genießen und beinahe alles machen, worauf ich Lust habe (Außer eine klassische Pizza aus Weizenmehl bestellen! *grrr* Wo sind nur die FODMAP- armen Lieferanten?). Doch vor diesem Lebenswandel kam die absolute Hölle aus Durchfall, Schmerzen, Depressionen, Schweißausbrüchen etc. Doch fangen wir vielleicht ganz von vorn an?

 

Meine Reizdarmsymptome begannen bereits in der neunten Klasse des Gymnasiums. Damals hatte ich öfter Bauchschmerzen und ab und an (vor allem morgens) breiigen Stuhlgang (Hände hoch, wer es kennt *grins*). Das ließ sich eigentlich ganz gut ertragen, bis sich dann auch noch mein labiler Kopf einklinkte und mir Busfahrten, Klassenarbeiten und Schulausflüge zur Hölle machte. Mit steigendem Stresspegel und zunehmender Angst die Schule nicht zu packen, flammten auch die Reizdarmsymptome weiter auf. Zuerst in stressigen Situationen und dann ganz plötzlich auch ohne Zusammenhang morgens, oder über den Tag.

 

Hier muss ich ja wahrscheinlich niemandem erklären, dass dies alles etwas harmloser klingt, als es wirklich war (Schmerzen, Durchfälle, Übelkeit, Angst mir vor versammelter Klasse in die Hosen zu machen, kaum noch ausgehen oder Sport machen ...). Nach einigen Heulkrämpfen und vielen Krankschreibungen folgte ein wahrer Diagnostikmarathon (von Stuhluntersuchungen, über Darmspiegelung, Atemgastests bis zum psychologischen Gutachten). Ergebnis: Kerngesund bis auf eine leichte Fruktosemalabsorption. Angst- und Depressionsscores zwar erhöht, aber der Psychiater erklärte dies als Folge körperlicher Symptome.

Nach dem Diagnosemarathon folgte der Therapietriathlon: Schulmedizin (Probiotika, Spasmolytika usw.), Naturheilverfahren (Homöopathie, Akupunktur, Osteopathie etc.) und Psychotherapie (leider damals Psychoanalyse - ich wusste es eben noch nicht besser). Um es kurz zu machen, keines der Dinge half sonderlich gut.


Völlig frustriert wechselte ich damals den Arzt, in der Hoffnung ein anderer würde vielleicht bessere Mittel und Wege kennen. UND? Halleluja! Er kannte wirklich einen: Frühmorgens und abends vor dem Zubettgehen jeweils zwei Kapseln a 2mg Loperamid. Ich war natürlich skeptisch, doch bereits am zweiten Tag ging es mir so gut, wie schon lange nicht mehr!

Auch hier möchte ich die Sache etwas beschleunigen und nur schreiben, dass mir dieses Medikament das Abitur, einige Auslandsreisen, viele schöne Abende und einen Teil meines Studiums ermöglicht hat. Allerdings ist es nicht bei den 8mg täglich geblieben ...

Nach einiger Zeit ließ die Wirkung deutlich nach. Mein Arzt meinte damals, ich könne die Dosis einfach nach Belieben und Zufriedenheit erhöhen. Loperamid wirke ja nur im Darm. Auch die Bildung einer Toleranz oder eine Suchtgefahr wären unüblich. (Hmmm, hatte mein Körper nicht schon damals eine Toleranz gebildet?)

 

Die Dosis stieg also immer weiter an und hatte ich am Anfang keine nennenswerten Nebenwirkungen gehabt, so plagten mich ab etwa 16mg Mundtrockenheit, Blähungen, Krämpfe, Übelkeit und Schwindel. Aber der Durchfall blieb für diesen Tag aus und ich konnte ein einigermaßen normales Leben führen. Trotz der hohen Dosen hatte ich aber bereits am nächsten Morgen wieder weichen Stuhl und nahm erneut eine Dosis. Probleme mit Verstopfung hatte ich dabei nie. Später las ich, dass einige Leute, die Loperamid als Droge missbrauchten (dem Medi Zugang zum Gehirn verschafften) bis zu 180 Kapseln auf einmal konsumierten! (Sie beschrieben, dass sie keine Probleme mit dem Stuhlgang gehabt hätten ...)

 

Meine täglichen Gaben waren irgendwann bei 20 Kapseln (40mg) angelangt. Ich konnte zwar Unternehmungen mitmachen, aber aufgrund der oben beschriebenen Nebenwirkungen glich ich viel eher einem Zombie als mir selbst. Meine Freundinnen fragten immer, warum ich so blass und still sei. (Vielleicht weil ich mich gleich auf diesen Bistrotisch übergebe!?)

Die Nebenwirkungen hoben die positiven Effekte längst auf und das sah ich auch ein. Ich beschloss erst einmal aufzuhören (Wie naiv, kleines Mädchen!). Vielleicht bildete sich ja auch die Toleranz zurück und ich könnte mit 6-8mg wieder gut leben.

 

BOOOOM! Bereits am zweiten Tag bekam ich klassische Entzugssymptome: erst grippeähnlich (Schnupfnase, Kopfschmerz, Kälte), einige Tage später Angst, Panik, Depressionen, Schlaflosigkeit, Schweißausbrüche, Schüttelfrost und (natürlich!) explosiven Wasserdurchfall und Bauchkrämpfe. Ich dachte an den schlimmsten Tagen, dass ich sterben müsste. Damals war ich seit mehreren Jahren eigentlich täglich mit Loperamid zugepumpt. Machen Sie so etwas also bitte nie ohne Betreuung und ohne die Dosis auszuschleichen. Durch die längere Halbwertszeit flossen wahrscheinlich 40-80mg Loperamid in mir herum, bevor ich auf (genau!) 0mg reduzierte). Ich musste später noch einen Anlauf nehmen und habe dabei langsam reduziert.

 

Bei meinen Recherchen stieß ich auch auf mehrere Opiatsüchtige. Loperamid soll dort beim Abesetzen helfen, da es die selben Rezeptoren besetzt. NUR: Einige wurden dann ZUSÄTZLICH von Loperamid abhängig. UND: Sie schrieben das der Loperamidentzug tausendmal schlimmer war, als der von ihrer Droge ...

 

Natürlich kann man den Herstellern keinen Vorwurf machen, denn diese geben eine maximale Dosis von 8mg an. ABER: Im Internet und von den Ärzten wird das Thema viel zu sehr auf die leichte Schulter genommen. Von wegen man kann ohne weiteres erhöhen, bis man sich gut fühlt ...

 

Natürlich bin ich ein Extremfall und ich bin mir meiner eigenen Verantwortung wohl bewusst. Dennoch denke ich, dass gerade junge verzweifelte Leute leicht in diesen Kreislauf geraten können. Wir sind abenteuerlustig und wollen auf nichts verzichten UND wir wollen keine Arbeit und zuviel Zeit investieren. Eine (oder zwanzig *augenroll*) Pille ist doch viel angenehmer, als eine öde FODMAP- Diät oder eine Darmsanierung.

 

Vielleicht kann ich einigen von Ihnen ja ein abschreckendes Beispiel sein, dann hat sich der Schaden wenigstens gelohnt. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass am Ende meine Leber- und Blutwerte vollständig im Eimer waren?

Gehen Sie verantwortungsvoll mit Ihrer Medikation um. Nutzen Sie sie, wenn Sie sie wirklich brauchen und achten Sie auf Gewöhnungseffekte.

 

Damit würden Sie mir wirklich einen Gefallen tun!

 

 

Sonnige Grüße

eine seit zwei Jahren chemiefreie Lebensfreundin