Wissenschaft zeigt: Das (Klein-)Hirn von Reizdarmpatienten arbeitet anders

Studie zeigt: Das Gehirn von Betroffenen des Reizdarmsyndroms reagiert anders auf konditionierte Reize.
Bild: Monja Schnider via Pixelio.de

Liebe Leser, Wissenschaft ist etwas Herrliches! Jeden Tag, wenn ich mich an meine Rechercheroutine setze, freue ich mich schon, welche neuen Erkenntnisse mich wohl erwarten mögen. Dieses Mal passte es wieder wie die buchstäbliche "Faust aufs Auge", denn nach meinem Artikel über die körperlichen Faktoren beim Reizdarmsyndrom (ein Vergleich zu Morbus Crohn und Kolitis ulcerosa) fühlten sich viele Leser in ihrer Meinung bestätigt und teilten mir dieses auch schriftlich mit:

 

"Diese Daten beweisen doch, dass der Reizdarm eben nichts mit unserem Kopf zu tun hat, Ärzte und Psychologen jahrelang Unrecht hatten"

 

Doch nichts könnte ferner von der Wahrheit sein. Ein Fakt, den ich in meiner täglichen Arbeit als Psychologe und Heilpraktiker für Psychotherapie aus meiner täglichen Praxis kenne und den auch die medizinische und psychologische Forschung anerkennt.

Warum tendiert die heutige Gesellschaft eigentlich immer zu extremen Standpunkten? Natürlich verstehe ich, dass viele von Ihnen da draußen das Gerede um die eingebildeten Schmerzen und das "einfach-einmal-Zusammenreißen" satt hatten. Doch wenn wir die psychischen Komponenten unserer Krankheit verneinen, dann belügen wir uns selbst und berauben uns effektiver Behandlungsoptionen. Denn egal, was für uns Patienten grundlegender ist: ob Psyche oder Körper, Huhn oder Ei - Psychotherapie, Psychopharmaka, Hypnose und Stressmanagement gehören zu den erfolgreichsten Therapiemethoden bei einem Reizdarmsyndrom, unabhängig vom Vorliegen psychiatrischer Begleitstörungen. Das zeigen zahlreiche Studien und auch Meta-Analysen (bspw. zeigten Li und Kollegen 2014 in einer Meta-Analyse, dass Kognitive Verhaltenstherapie dem klassischen Basissupport und auch medikamentösen Ansätzen beim Reizdarmsyndrom überlegen war).

Wer würde eigentlich auf die verrückte Idee kommen, der Depression ihre psychische Komponente abzusprechen, nur weil wir heute wissen, dass bei ihr auch das Mikrobiom, Entzündungsprozesse und das Immunsystem allgemein eine Rolle spielen? Es gibt gerade für chronische Erkrankungen kaum Beispiele, wo Körper oder Psyche isoliert betroffen sind.

 

Eine neue Untersuchung eines deutschen Teams um Claassen (Neurologie der Universitätsklinik Essen) zeigt jetzt, wie das Gehirn von Reizdarmpatienten anders auf konditionierte Reize reagiert, als das gesunder Vergleichspersonen.

 

 

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Nahrungsfette und ihre Wirkung auf das Reizdarmsyndrom

Fett gehört zu den Triggerfaktoren des Reizdarmsyndroms. Aber was steckt eigentlich dahinter?
Bild: Timo Klostermeier via Pixelio.de

Elaine Gottschall, die Biochemikerin, Autorin von Breaking the Vicious Cycle und jene Forscherin, welche als erste die bedeutende Rolle von Kohlenhydraten bei der Symptomgenese chronischer Darmerkrankungen populär machte und somit den Grundstein für die low-FODMAP-Diät legte, führt in ihrem Grundlagenwerk aus, dass Darmpatienten Schwierigkeiten haben die Makronährstoffe aufzuspalten und regelgerecht zu verdauen. Dabei würden Proteine am besten, Fette eher mäßig und Kohlenhydrate am schwierigsten resorbiert. 

 

Durch den Erfolg der Paleo-Diät und den Populismus (ja, das meine ich im tatsächlichen Sinn) einiger ihrer Vertreter wurde das Fett in den letzten Jahren nicht nur rehabilitiert (Siehe an: Fett macht gar nicht fett und Nahrungsfette haben keine direkten Auswirkungen auf Herz-Kreislauf-Krankheiten etc.), sondern regelrecht geadelt (Mehr Fett in der Nahrung ist gleich mehr Gesundheit). Im Zuge dieser Entwicklung wurden aus SCD und GAPS häufig high-fat- und low-carb-Diäten, eine Struktur, welche so von den Begründern niemals vorgesehen war. Viele Leser und Zuschauer berichten mir immer wieder, dass sich ihr Durchfall mit der SCD oder Paleo verschlimmert. Frage ich dann gezielt nach der Nahrungszusammenstellung finden sich Fettmengen zwischen 150-250g! Diese Masse an Nahrungsfetten würde schon sehr viele kerngesunde Menschen auf die Porzellanschüssel treiben.

 

Dabei wissen wir aus vielen Fragebogenstudien, dass Nahrungsfette bzw. fette Speisen von den Reizdarmbetroffenen neben Weizen, Milchprodukten und Früchten als einer der diätetischen Triggerfaktoren wahrgenommen werden (u.a. Simren und Kollegen, 2001; Williams und Kollegen, 2011; Hayes und Kollegen, 2013 usw.)

Trotz dieser prominenten Bewertung der Fette seitens der Patienten fehlen bis heute klinische Studien zur Nahrungszusammensetzung beim Reizdarmsyndrom, anhand deren Daten entsprechende Mengenempfehlungen abgegeben werden könnten. Dies ist ein entscheidender Nachteil, denn erwiesenermaßen für den Reizdarm effektive Ernährungsumstellungen wie die low-FODMAP-Diät können sowohl fettarm als auch fettreich gestaltet werden, was die Symptomverbesserungen letztlich sabotieren könnte.  

 

Schaut man sich die Empfehlungen von Elaine zur SCD etwas genauer an, dann bekommen wir eine Vorstellung davon, dass ihre Version der Diät keinesfalls low-carb oder gar high-fat war. Sie empfahl damals den liberalen Gebrauch von Honig und Früchten/Trockenfrüchten, sowie Hülsenfrüchten in späteren Stadien. Ihre Fleischauswahl war häufig von Geflügel dominiert. Heute haben wir durch neue Forschungsergebnisse einen etwas tieferen Einblick und könnten die Empfehlungen entsprechend abändern (FODMAP-reiche Früchte, Hülsenfrüchte und Honig raus; schnell-resorbierbare Stärke und glukosedominante Früchte etc. rein).

 

In diesem Artikel möchten wir uns also damit beschäftigen, WARUM Nahrungsfett für uns Darmpatienten (Reizdarmsyndrom, Morbus Crohn, Kolitis ulcerosa, Zöliakie etc.) problematisch ist und dem fettigen Hype etwas entgegensetzen.

 

 

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Darmpilze: Candida und Co. - Was sagt die Wissenschaft dazu?

Darmpilze wie bspw. Candida albicans: Sind sie ein wirkliches Problem bzw. stecken sie hinter den Beschwerden des Reizdarmsyndroms?
Bild: Jurec via pixelio.de

Das heutige Thema gehört seit dem Start dieses Blogs zu den meist angefragtesten Artikelwünschen überhaupt. Diesen Wunsch kann ich auch sehr gut nachvollziehen, denn kaum ein anderes Thema wurde und wird so kontrovers diskutiert. Während viele Heilpraktiker und naturmedizinisch-orientierte Ärzte Darmpilze, vor allem aber Candida albicans, als das absolute Übel darstellen und recht flink mit Antimykotika hantieren, finden sich seitens der Schulmediziner eher kritische bzw. abwartende Reaktionen. Ein typisches Beispiel letzterer Haltung ist das Statement: "Darmpilze und eben auch verschiedene Candidaspezies gehören zum normalen Darmökosystem. Auch gesunde Menschen sind Wirte dieser Organismen."

 

Dass die praktizierenden Ärzte allerdings nicht immer auf dem neuesten Stand der Forschung sind, haben wir beispielsweise lange Zeit an der Dünndarmfehlbesiedlung und auch der low-FODMAP-Diät beobachten können. Ist dies bei den Darmpilzen vielleicht ebenso der Fall?

Ein Grund für unsere Zurückhaltung auf dem Blog war, dass wir nicht einfach unsere Meinung zu dem Thema schreiben wollten, sondern dies wie gewohnt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu untermauern suchten. Doch langsam aber sicher finden sich immer mehr Hinweise für die Bedeutung der Pilzkulturen in unserem Organismus. Die folgende Darstellung orientiert sich an dem Übersichtsartikel von Erdogan (nein, nicht der!) und Rao (2015).

 

 

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Cannabinoide und ihre therapeutische Wirkung auf Darmkrankheiten

Hilft medizinischer Cannabis bei Reizdarm, Morbus Crohn, Kolitis ulcerosa und Co?
Bild: Tokamuwi via pixelio.de

And we were trying different things. We were smoking funny things. Making love out by the lake to our favorite song.

 

Marihuana wird schon seit Urzeiten als Rausch- aber vor allem auch Medizinprodukt gepriesen. Die Evidenz für seine therapeutische Anwendung reicht über 5000 Jahre zurück. Dennoch verschloss sich die "medical community" lange Zeit vor der Erforschung dieses Themas, was sicherlich auch mit der gesellschaftlichen Kontroverse um die Legalisierung zusammenhing. Der Wendepunkt lag dann aber in den Neunzigern: Forscher entdeckten zwei Rezeptoren des so genannten Endocannabinoid-Systems, einem bis dahin unbekannten Teil des menschlichen Nervensystems. Und nicht nur das, denn die Wissenschaftler fanden auch cannabisähnliche Substanzen, die vom Körper selbst produziert werden, die Endocannabinoide.

Inzwischen hat sich Medizinalhanf in Studien und praktischer Anwendung als wirkungsvoll bei verschiedensten Erkrankungen erwiesen, darunter Anorexie, chronisches Erbrechen, Bauchschmerzen und chronischer Durchfall.

 

Die im Artikel folgenden Ausführungen zum Endocannabinoid-System und den Auswirkungen der Cannabinoide auf Darmerkrankungen orientieren sich zu einem großen Teil an dem Review von Reichenbach & Schey (2016).

 

 

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Reizdarm, Crohn, Kolitis: Nur Leidensgenossen oder doch Geschwister?

Lange wurden die chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) als eigenständige Entitäten vom Reizdarmsyndrom (RDS) getrennt. Doch sie teilen viele Pathomechanismen.
Bild: Dieter via pixelio.de

Lange Zeit betrachteten Gastroenterologen die chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED), deren bekannteste Vertreter Morbus Crohn und Colitis ulcerosa heißen, als eigenständige Entitäten ohne jeglichen Zusammenhang mit dem Reizdarmsyndrom (RDS). Und auch viele Betroffene stimmten in diesen Chor mit ein. Hier einmal beispielhaft zwei Sätze, welche so tatsächlich von meinen Klienten gefallen sind:

 

 

Wenn die mal zwei Wochen meinen Schub erleben könnten, würden die nicht mehr so in den Foren rumjammern. (Patientin mit Mb. Crohn über RDS-Betroffene)

 

oder

 

Die haben es doch gut. Außerhalb der Schübe geht es denen teilweise jahrelang gut und für die Schübe gibt es inzwischen wirkungsvolle Medikamente. Ganz im Gegensatz zu uns. (Reizdarmpatient über CEDler)

 

Beide Vorurteile sind natürlich Nonsens und starke Pauschalisierungen. So klagt beinahe jeder zweite CED-Patient über Reizdarmbeschwerden in der klinischen Remission, während Reizdarm-Betroffene tatsächlich eine höhere Einschränkung der Lebensqualität berichten und mit Veränderungen wie der Mastzellaktivität teils sehr heftige Beschwerden einhergehen. Das Reizdarmsyndrom ist eben nicht nur Bauchgrummeln.

Für mich war diese Trennung zwischen den beiden Dimensionen RDS und CED immer künstlich und umso mehr wir aus der Wissenschaft über Darmgesundheit und natürlich Darmkrankheiten lernen, desto mehr kristallisiert sich heraus, dass es sich bei diesen Erkrankungen eher um Geschwister handelt, also verschiedene Entitäten auf einem Spektrum, als um Fremde mit zufällig ähnlichen Eigenschaften. Wir können den einen besser verstehen lernen, wenn wir bereits bekannte Variablen des anderen betrachten und natürlich umgekehrt.

 

Die folgenden Ausführungen beruhen auf dem Fachartikel von Spiller und Major im Magazin Nature (2016).  

 

 

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