Endlich Schluss mit Reizdarm - Schritt für Schritt!

Persönliche Begrüßung

Inhaltsverzeichnis

Solltest du besonders ungeduldig sein, kannst du dich hier durch die einzelnen Kapitel klicken. Nicht empfohlen!

  1. Einführung in das Mysterium Reizdarmsyndrom
  2. Warum Ärzte und Heilpraktiker so oft scheitern
  3. Die neu entdeckten Pathomechanismen
  4. Der tatsächlichen Ursache auf der Spur
  5. Die 5 Säulen der Reizdarmtherapie
    1. Weiterführende Diagnostik
    2. antiinflammatorische Ernährung für Biodiversität
    3. pflanzliche und pharmazeutische Wirkstoffe
    4. Stressmanagement
    5. Sport & Schlaf

Eine kurze (naja ...) Einführung in das Mysterium Reizdarmsyndrom

Das Reizdarmsyndrom gehört zu den jüngeren Erkrankungen der westlichen Zivilisation. Erstmals wurde sie wissenschaftlich 1950 beschrieben und durchlief dann eine Odyssee von der Psychiatrie über die Psychosomatik bis zur Immunologie (Mastzellen, PI-RDS).
Das Reizdarmsyndrom gehört zu den jüngeren Erkrankungen der westlichen Zivilisation. Erstmals wurde sie wissenschaftlich 1950 beschrieben und durchlief dann eine Odyssee von der Psychiatrie über die Psychosomatik bis zur Immunologie (Mastzellen, PI-RDS).

Das Reizdarmsyndrom ist eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung mit besonderer Beteiligung körpereigener Immunzellen und deren chemischer Botenstoffe.

 

Darf ich fragen, warum du so irritiert auf deinen Bildschirm schaust? Wieso hast du denn den obigen Satz gleich mehrfach gelesen? Kennst du etwa andere Kurzdefinitionen für unsere Erkrankung, das Reizdarmsyndrom? Ah, dann ist die Chance recht groß, dass deine Informationen schon "etwas" veraltet sind. Ich versuche es dann vielleicht einmal so:

 

Das Reizdarmsyndrom ist eine funktionelle Erkrankung des menschlichen Darmsystems. Die Ursachen und Krankheitsmechanismen sind weitgehend unbekannt. Nach medizinischer Abklärung ist das Reizdarmsyndrom aber ungefährlich und kann lediglich symptomatisch behandelt werden. Ernährung und Lebensstil haben keinen Einfluss, allerdings spielt das "Bauchhirn" eine bedeutende Rolle.

 

Das klingt für dich also vertrauter? Oh je, ich sehe schon, wir müssen gemeinsam einen kleinen Ausflug in die Vergangenheit unternehmen. Danach werden wir besser verstehen, wie es zu dieser "etwas seltsamen" Konzeption unseres gemeinsamen Gegners, dem RDS, kam und warum auch heute noch Millionen Menschen leiden, obwohl vielen von ihnen längst geholfen werden könnte. Dabei sind es übrigens du und ich, welche die Verantwortung übernehmen müssen. Nicht die Ärzte oder Therapeuten. Die beste Verteidigung gegen das Reizdarmsyndrom besteht nämlich im aktiven Angriff. Doch dazu vielleicht später ...

 

Von hysterischen Hausfrauen und Kindheitstraumata

Die typischen Beschwerden des Reizdarmsyndroms (Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfälle, Verstopfung) wurden anfangs gehäuft bei Frauen beobachtet, welche man als übermäßig "neurotisch" charakterisierte.
Die typischen Beschwerden des Reizdarmsyndroms (Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfälle, Verstopfung) wurden anfangs gehäuft bei Frauen beobachtet, welche man als übermäßig "neurotisch" charakterisierte.

Lass uns also gemeinsam durch die Zeit zurückreisen. Steig in den gepimpten Delorean und ab geht die Post! Doch Moment mal, welches Jahr müssen wir denn in den Bordcomputer eingeben? Vielleicht ins 2. Jahrhundert unserer Zeit, als der noch heute gefeierte griechische Arzt Aretaeus erstmals die Zöliakie beschrieb (Dowd & Walker-Smith, 1974)? Nein, die Wurzeln unseres persönlichen Störenfriedes reichen bei weitem nicht so weit zurück. Wissenschaftlich geprägt und dokumentiert wurde der Name Reizdarmsyndrom (oft auch Reizkolon oder Colon irritabile) erst in den Fünfzigern in den USA. Ähnlich wie der Morbus Crohn und die Colitis ulcerosa gehört der Reizdarm damit zu den Erkrankungen der modernen Welt, was bereits einigen Raum an Spekulationen über mögliche Ursachen zulässt.

Jedenfalls berichtet ein gewisser Gastroenterologe, Dr. Brown, 1947 in seinem Pionierartikel "The Irritable Bowel Syndrome" von dieser neuen, für die damaligen Ärzte unerklärlichen Störung des Gastrointestinaltraktes (Brown, 1947; Brown, 1950). Die Patienten, oder besser PatientINNEN, berichteten auch damals schon über die heute klassischen Symptome des Reizdarmsyndroms, namentlich Durchfall, Bauchschmerzen und Bauchkrämpfe, sowie quälende Blähungen. Hinzu kamen individuelle Beschwerden wie Abgeschlagenheit, Erschöpfung, Übelkeit und Sodbrennen, aber auch das Gefühl, bestimmte Speisen oder Nahrungsbestandteile nicht zu vertragen. Die Verstopfung war übrigens damals noch kein Bestandteil der neuen Krankheitskategorie. Wenn überhaupt, trat sie mit dem Durchfall im Wechsel auf.

Die Ärzte standen dieser wahren Patientenschwemme erst einmal recht ratlos gegenüber. Sie vermuteten anfangs eine infektiöse Ursache für die Durchfallerkrankung, denn einige Betroffene hatten berichtet, dass sie kürzlich eine akute Gastroenteritis, also eine Magen-Darm-Grippe wie sie auch heute noch regelmäßig die Kindergärten und Grundschulen leerfegt, erdulden mussten. Hier zeigte sich schon der erste Hinweis auf ein Krankheitsgeschehen, welches Ärzte und Wissenschaftler heute als Postinfektiöses Reizdarmsyndrom (kurz RDS-PI oder PI-IBS) bezeichnen. Auch heute noch stellt eine akute Gastroenteritis einen der größten Risikofaktoren für die Entstehung eines Reizdarmsyndroms dar. So konnten Klem und Kollegen in ihrer Metaanalyse an über 20.000 Enteritisfällen zeigen, dass eine Infektion das Risiko an einem Reizdarm zu erkranken um mindestens den Faktor 4 erhöht (Klem und Kollegen, 2017)!

 

Aber weder waren diese Tatsachen damals bekannt, noch verfügten die praktizierenden Ärzte über die diagnostischen Möglichkeiten, um einem Erreger oder eines Krankheitsmechanismus habhaft zu werden. Die Patientinnen klagten also über körperliche Beschwerden, zeigten jedoch nach dem damaligen Stand der Medizin keine verwertbaren körperlichen Auffälligkeiten. Dafür wurden die behandelnden Ärzte aber auf etwas ganz anderes aufmerksam: Es besuchten damals deutlich mehr Frauen als Männer die Sprechstunden. Diese wurden sehr häufig als übermäßig neurotisch. ängstlich und angepasst beschrieben. Schließlich knüpften die ersten Behandler die einzelnen Fäden zusammen - ein betroffenes Organ, welches nachweislich von der Psyche beeinflusst werden kann ("Schiss haben", "sich vor Angst in die Hosen machen", "Schmetterlinge im Bauch"), keine körperlichen Veränderungen und auffällige Charaktereigenschaften bzw. psychische Besonderheiten der Betroffenen. Die Idee einer neuen psychiatrischen Erkrankung war geboren. Einige Psychiater beschrieben das Reizdarmsyndrom infolge dieses Fehlschlusses als "condition of presumably psychogenic origin" und grenzten es in ihren Untersuchungen klar gegenüber somatischen (also "tatsächlich" körperlichen) Erkrankungen ab (Lyketsos und Kollegen, 1987). Diese Hypothese bekam durch das Erblühen der jungen Disziplin Psychosomatik neuen Auftrieb und hielt sich in Einzelfällen bis zur Jahrtausendwende. Übrigens erging es Patienten mit Morbus Crohn und Colitis ulcerosa nicht besser. Diese beiden Erkrankungen wurden 1950 in die "Holy Seven" aufgenommen, einen Katalog von Erkrankungen, welche angeblich durch psychische Konflikte ausgelöst würden.

Doch das Ende der Fahnenstange war noch lange nicht erreicht. Das Dilemma der "Psychiatrisierung" des Reizdarmsyndroms wurde schließlich noch durch einen weiteren Faktor potenziert. Mehrere frühe "Spezialisten" sprachen auf Fachtagungen über vermehrte Berichte über sexuellen Missbrauch in der Kindheit seitens ihrer Reizdarmpatientinnen. Erste Umfragestudien bestätigten diese praktischen Erfahrungen der Ärzte (Scarinci und Kollegen, 1994; Talley und Kollegen, 1994; Walker und Kollegen, 1995 u.v.m.).

 

Kurzer Exkurs: Warum die Variablen stimmen und der Schluss dennoch falsch sein kann

Aus einigen wahren Fakten (erhöhter Neurotizismus, Angst, Depressionen, vermehrt berichteter Missbrauch) zogen die Ärzte und Wissenschaftler einen falschen Schluss bezüglich der Ursache des Reizdarmsyndroms. Dieser wirkt noch heute nach.
Aus einigen wahren Fakten (erhöhter Neurotizismus, Angst, Depressionen, vermehrt berichteter Missbrauch) zogen die Ärzte und Wissenschaftler einen falschen Schluss bezüglich der Ursache des Reizdarmsyndroms. Dieser wirkt noch heute nach.

Du fragst dich jetzt vielleicht, wie diese Puzzlestücke zusammenpassen? Auf der einen Seite haben wir eindeutige Befunde, welche auch heute noch, mit modernsten Erhebungsmethoden und computergestützter Datenanalyse, repliziert werden können. Patienten mit einem Reizdarmsyndrom leiden deutlich häufiger unter psychischen Beschwerden wie Angst und Depressionen als gesunde Vergleichspersonen aber auch anderweitig Erkrankte (Padhy und Kollegen, 2016). Dies gilt übrigens auch VOR dem Auftreten der Darmbeschwerden. Die psychischen Auffälligkeiten sind also nicht nur bloße Folge der körperlichen Symptome.

Auch die Ergebnisse zum Kindesmissbrauch (sexuell, körperlich oder emotional) wurden durch aktuellere Untersuchungen bestätigt (Kanuri und Kollegen, 2016),

 

Nun weiß heute jeder Erstsemester, dass eine Korrelation oder Assoziation nicht mit einer Kausaltheorie verknüpft werden darf. Doch genau das taten die Ärzte und verarbeiteten die beobachtbaren Variablen in ein Ursachenmodell, was tausendfach von Ärzten und Psychotherapeuten adaptiert wurde. Dieser Fehlschluss wirkt heute noch in der Gesellschaft nach und führt zu einer starken Stigmatisierung der Betroffenen (Taft und Kollegen, 2017). Das Reizdarmsyndrom wird als leichte und oft psychisch-bedingte Erkrankung interpretiert, welche nicht den selben Krankheitswert besitzt wie etwa die "großen Geschwister" Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Diese "Herabwürdigung" der Schwere der Symptome berichten die Reizdarmbetroffenen auch seitens ihrer Ärzte und klagen über ein fehlendes medizinisches Verständnis (Drossmann und Kollegen, 2009).

 

Heute sind wir um einiges schlauer und kennen den Zusammenhang zwischen diesen auffälligen psychischen Besonderheiten und den tatsächlichen Ursachen des Reizdarmsyndroms. Du musst dir die Psyche als eine Art Türöffner vorstellen. Unser Körper ist eine Art gut gesichertes Haus. Ein Einbrecher kann noch so lange um es herumschleichen, so lange die Tür und die Fenster ordentlich verschlossen sind, ist alles sicher. Bruchsicheres Glas, werkzeugfeste Schlösser usw. Unsere Psyche allerdings besitzt einen Schlüssel. Sie steht irgendwo am Gartenzaun herum und beobachtet die Sache. Doch, wie soll ich sagen, Psyche ist zwar eine nette Kumpeline, aber sie ist eben etwas, nunja, instabil. Sie erschrickt sich schnell, wird panisch und neigt dann zu unüberlegten Aktionen. Ist ihr an dem Tag, bevor der Einbrecher auftaucht, etwas beängstigendes passiert, dann wird sie diesem panisch den Haustürschlüssel zuwerfen und darum betteln, dass er ihr dafür nichts antut. Dem Bösewicht stehen nun alle Möglichkeiten offen, um in unserem Haus (also dem Körper) Chaos anzurichten. Die psychischen Beschwerden oder Störungen sind also eine Mediatorvariable und können das Risiko, an einem Reizdarmsyndrom zu erkranken, deutlich erhöhen. So erkranken deutlich mehr Menschen nach einer Gastroenteritis am RDS-PI, wenn diese VOR dem Zeitpunkt der Magen-Darm-Grippe unter Ängsten litten (Klem und Kollegen, 2017). Diese Ergebnisse decken sich mit neuesten Erkenntnissen der Psychoneuroimmunologie. Auf der anderen Seite verändern Kindheitstraumata bzw. frühkindlicher Stress nachhaltig das Mikrobiom (fälschlich: die Darmflora) der Betroffenen (O Mahoney und Kollegen, 2009). Ein dysbiotisches Mikrobiom wiederum begünstigt Infektionen und deren chronische Manifestationen bzw. entzündliche Prozesse.

 

Nicht die Angststörung, der neurotische Charakter oder ein erlebtes Traumata ist also die Ursache des Reizdarmsyndroms, sondern diese Faktoren begünstigen das Auftreten und Durchsetzen der tatsächlichen Ursachen auf der Mikrobiomebene.

 

Diese Erkenntnisse waren aber wie bereits beschrieben damals noch Jahrzehnte entfernt. Die falsche Hypothese der psychischen Ursache fiel leider auch noch auf recht fruchtbaren Boden, befand sich doch die Psychosomatik im Aufwind und hatte die Psychoanalyse noch nicht ihren letzten Atemzug getan. Tausende Patientinnen und Patienten landeten also auf einer Ledercouch, arbeiteten ihre Kindheitserlebnisse und die Beziehung zur Mutter auf, oder bastelten und malten in psychosomatischen Kureinrichtungen. Nur der Erfolg bei der Behandlung ihrer Symptome blieb dabei leider aus. Es sollte noch bis zur Jahrtausendwende dauern, bis sich die Situation (zumindest in der Forschung) grundlegend ändern sollte.

 

Von Todessehnsucht, verlorener lebensqualität und sexueller Dysfunktion - die andere Seite des Reizdarmsyndroms

Das Reizdarmsyndrom (RDS), von Gesellschaft und Allgemeinmedizinern oft als psychosomatisch und ungefährlich verharmlost, bringt jede Menge unschöner Nebenwirkungen mit sich. Diese reichen von Depressionen über sexuelle Störungen bis hin zu Suizidgedanken
Das Reizdarmsyndrom (RDS), von Gesellschaft und Allgemeinmedizinern oft als psychosomatisch und ungefährlich verharmlost, bringt jede Menge unschöner Nebenwirkungen mit sich. Diese reichen von Depressionen über sexuelle Störungen bis hin zu Suizidgedanken

Für das Umfeld der unter einem Reizdarmsyndrom leidenden Menschen und einen Großteil der praktizierenden Mediziner war der Fall also glasklar. Das RDS ist eine psychosomatische Erkrankung, die Beschwerden eher leicht und die Störung an sich ungefährlich. Die Patienten hatten es ja schließlich selbst in der Hand. Sie mussten "sich lediglich einmal zusammenreißen" oder eben "Stress abbauen". Was lösen diese Umschreibungen und Formulierungen eigentlich in dir aus? Fühlst du dich und deinen Zustand damit treffend widergegeben? Oder geht es dir eher wie mir und du spürst Wut und Verzweiflung über dermaßen anmaßende und herabsetzende Urteile? Nun, dann möchte ich dir sagen, dass wir beide damit nicht allein sind, sondern ganz im Gegenteil. Ich möchte dich nach unserer Zeitreise zu einem weiteren kurzen Ausflug einladen. Diesmal beamen wir uns in das Reich der Daten und Variablen - die Statistik. Ich möchte dir aber schon jetzt sagen, dass einige Erkenntnisse, die wir dort gewinnen werden, überhaupt nicht zu den oben getroffenen Zuschreibungen passen wollen.

 

In der westlichen Welt sind sage und schreibe 10-20% der Bevölkerung von einem Reizdarmsyndrom betroffen (Endo und Kollegen, 2015). Eine wissenschaftliche Untersuchung an über 2.000 deutschen Studenten ergab eine erschreckende Betroffenenquote von 18%, wobei diese noch anstieg (21%), wenn man nur die weiblichen Versuchspersonen betrachtete (Gulewitsch und Kollegen, 2011). Interessanterweise gibt es im globalen Vergleich deutliche Unterschiede. So stehen den erwähnten 18% in Deutschland recht geringe 5-7% in Südostasien gegenüber (Canavan und Kollegen, 2014). Auch dieses West-Ost-Gefälle lässt, wie auch das erwähnte Erstauftreten des Reizdarmsyndroms in der Moderne, einen Schluss auf mögliche Ursachen zu. Behalte diese Fakten auf jeden Fall im Hinterkopf!

Durch ihre große Anzahl machen Reizdarmpatienten bis zu 50% der Besuche bei Gastroenterologen aus. In den USA entstehen durch die RDS-Patientengemeinde allein jährliche Kosten von bis zu 30 Milliarden Dollar (Hulisz, 2004). Diese Werte dürften heute jedoch weitaus höher ausfallen. Obwohl es noch keine direkten Erhebungen zur krankeitsbedingten Arbeitslosigkeit oder Arbeitsunfähigkeit gibt, berichteten Reizdarmpatienten einen durchschnittlichen Produktivitätsverlust von 14 Stunden in einer klassischen 40 Stunden Woche (Pare und Kollegen, 2006). Zusätzlich fehlten sie mit 15 Tagen pro Kalenderjahr deutlich mehr, als ihre Vergleichsgruppe (Cash und Kollegen, 2005). Insgesamt erhöhen sich die Kosten für den Arbeitgeber damit mit der Diagnose Reizdarmsyndrom um den Faktor 1,5 (ebd).

 

Deutlich vermindert ist bei einem Reizdarmsyndrom die empfundene Lebensqualität. Diese ist sogar stärker herabgesetzt als bei Patienten mit Diabetes oder Nierenerkrankungen (Mönnikes, 2011). Auch im direkten Vergleich mit den oft als weitaus beeinträchtigender beschriebenen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa erweist sich das Reizdarmsyndrom als mindestens ebenbürtiger Killer der Lebensqualität (Pace und Kollegen, 2003). Neben den quälenden und oft nicht vorhersagbaren "klassischen Symptomen" Durchfall, Verstopfung, Bauchschmerzen bzw. -krämpfe und Blähungen, sind dafür zusätzliche systemische Beschwerden und assoziierte Begleiterkrankungen verantwortlich. Im Fachartikel "IBS- beyond the bowel" werden nicht weniger als 22 nicht auf den Darm bezogene zusätzliche Symptome beschrieben (Palsson & Whitehead, 2004). Dazu gehören unter anderen Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Mundgeruch, Herzrasen, Erschöpfung und Müdigkeit, sowie Verlust an sexuellem Interesse. Alle diese Beschwerden lassen sich gehäufter bei RDS-Patienten beobachten. Doch damit nicht genug, denn das Reizdarmsyndrom ist mit einigen Erkrankungen assoziiert, welche allein für sich genommen bereits eine große Bürde darstellen. Bis zu 94% der Menschen mit einem Reizdarmsyndrom leiden unter psychiatrischen Auffälligkeiten, besonders Angststörungen (Soziale Phobie, generalisierte Angststörung, Panikstörung), depressiven Episoden und somatoformen Störungen (Whitehead und Kollegen, 2002). Bei den nicht-psychiatrischen Begleiterkrankungen dominieren die Fibromyalgie (49% der Betroffenen haben auch RDS) und das chronische Erschöpfungssyndrom bzw. die myalgische Enzephalomyelitis (51% der Betroffenen haben auch RDS) (ebd). Hinzu kommt noch ein ganzes Bündel von weiteren Störungen, deren Auftreten durch die Diagnose Reizdarmsyndrom begünstig wird. Eine kurze Auswahl:

  1. Epilepsie (Chen und Kollegen, 2015)
  2. Erektile Dysfunktion (Hsu und Kollegen, 2015)
  3. Endometriose (Moore und Kollegen, 2017)
  4. Prediabetes (Gulcan und Kollegen, 2009)

Trotz der extrem reduzierten Lebensqualität und Funktionsfähigkeit im privaten und beruflichen Kontext, der starken Anhäufung teils bedrohlicher Begleiterkrankungen und der schmerzhaften Symptome fühlen sich die Patienten durch ihr persönliches Umfeld, aber auch das medizinische Fachpersonal nicht ausreichend ernst genommen (Drossmann und Kollegen, 2009). Die Kombination aus diesen einzelnen Faktoren führt in einen wahren Teufelskreis. Viele Reizdarmbetroffene fühlen sich von den Symptomen, der "Psychologisierung" und Verharmlosung der Erkrankung überrollt. In einer Untersuchung, deren Ergebnisse die Fachwelt aufschrecken ließ. hatten 38 von 100 Menschen mit dem Reizdarmsyndrom berichtet, bereits über einen Selbstmord aufgrund ihrer Darmerkrankung nachgedacht zu haben (Drossmann und Kollegen, 2009). Sie übertrafen damit ihre Vergleichspersonen mit Morbus Crohn und Colitis ulcerosa um mehr als den Faktor 2. Immerhin 5% der Befragten mit RDS hatten tatsächlich einen Suizidversuch unternommen!

 

Ist alles in Ordnung mit dir? Du siehst etwas blass aus. Aber einen Befund verträgst du bestimmt noch. Mir geht es nur darum, dir zu zeigen, wie der Großteil der Patienten mit dem Reizdarmsyndrom dieses Leiden erlebt und dass wir nicht alleine damit sind.

2.000 befragte RDS-Betroffene berichteten, dass sie 25% ihrer verbleibenden Lebenszeit (oder durchschnittlich 15 Jahre) opfern würden, wenn sie dafür schlagartig geheilt würden. 14% von Ihnen würden eine therapeutische Pille schlucken, welche ein Risiko für 1:1000 für eine tödliche Nebenwirkung birgt (Drossmann und Kollegen, 2009).

 

Aber wie bringen wir diese schockierenden Statistiken denn nun in Einklang mit der Idee der "sanften, ungefährlichen und psychosomatischen" Erkrankung? Zu deiner Verwunderung kenne ich die Antwort schon. Sie ist recht simpel. GAR NICHT!

 

Von der Hirn-Darm-Achse zur Mastzellaktivierung

Durch die schockierenden Erkenntnisse zum Leidensdruck der Patienten begann eine neue Ära in der Reizdarmforschung. Von der Fruktosemalabsorption bis zur Mastzellaktivierung war es aber noch ein weiter Weg.
Durch die schockierenden Erkenntnisse zum Leidensdruck der Patienten begann eine neue Ära in der Reizdarmforschung. Von der Fruktosemalabsorption bis zur Mastzellaktivierung war es aber noch ein weiter Weg.

Das ganze, nun empirisch erfasste, Ausmaß unseres Dilemmas hatte allerdings auch eine gute Seite. Nicht nur du und ich sind geschockt über den Leidensdruck unserer Mitbetroffenen, sondern das waren auch viele progressive Ärzte und Wissenschaftler. Sie fassten den Mut an einer Erkrankung zu forschen, welche bisher aufgrund ihrer vermeintlichen "Harmlosigkeit" kaum wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhielt. Sicherlich spielte das hinzugewonnene Interesse der Pharmaindustrie dabei keine unwichtige Rolle. Allein 50 Millionen Betroffene des Reizdarmsyndroms in den Vereinigten Staaten sind wohl kein zu vernachlässigender Absatzmarkt. So oder so profitieren wir Patienten noch heute vom gesteigerten Forschungsdrang der Wissenschaftler.

 

Zuallererst betrachtete man den engen Zusammenhang zwischen Psyche und Reizdarmsyndrom etwas genauer. Warum finden wir beim Reizdarmsyndrom also viel häufiger psychische Begleiterkrankungen als bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa und das trotz ganz ähnlicher Symptome und Schwierigkeiten im Alltag? Und warum entwickeln Angstpatienten und Menschen mit hohen Neurotizismuswerten eigentlich deutlich häufiger ein postinfektiöses Reizdarmsyndrom nach einer akuten Magen-Darm-Grippe? Professor Shin Fukudo, einem weiteren Pionier der Reizdarmforschung, verdanken wir viele neue Erkenntnisse in diesem Bereich. In seinem Artikel "Brain-gut-interactions in IBS: physiological and psychological aspects" zeigten er und seine Mitwissenschaftler anhand früherer Forschungsergebnisse eindrucksvoll auf, dass es beim Reizdarmsyndrom nicht nur körperliche Besonderheiten, sondern auch Abnormalitäten bspw. im Hirnstoffwechsel zu beachten gilt und dass diese bidirektional miteinander verknüpft sind (Fukudo und Kollegen, 1992). Unter anderem verwiesen die Forscher auf Abnormalitäten im Elektroenzephalogramm (bei normalen Schlafkurven) und die Beteiligung von Gehirnpeptiden am Krankheitsmechanismus. Heute gilt die Störung der so genannten Hirn-Darm-Achse als am besten untersuchter und bestätigter Pathomechanismus beim Reizdarmsyndrom. Dieser hat eine solche Unterstützung durch die "scientific community" erlangt, dass die aktuellen Diagnosekriterien, die so genannten ROM-IV-Kriterien, nicht mehr länger vom Reizdarmsyndrom als einer "funktionellen Störung" sprechen, also einer Erkrankung ohne körperliche Ursache bzw. Krankheitsmechanismen (Schmulson & Drossmann, 2017). Die Störung der Hirn-Darm-Achse wird in diesen Kriterien an prominenter Stelle erwähnt und das Reizdarmsyndrom erhält durch die Entkopplung von den Kategorien "funktionelle Erkrankung" und "Psychosomatik" die lange verwehrte Ernsthaftigkeit, die ihm gebührt. Heute wissen wir allerdings deutlich mehr über die Hirn-Darm-Achse als zu der Zeit von Shin Fukudos Pionierarbeiten. So fanden die Wissenschaftler im neuen Jahrtausend beispielsweise heraus, dass das Mikrobiom (also die Darmbakterien) die Kommunikation zwischen zentralem und Darmnervensystem steuert (Carabotti und Kollegen, 2015)! Eine dahingehende Dysbiose (Veränderung der physiologischen Zusammensetzung des Mikrobioms bspw. nach Antibiotikagaben) erhöht aus diesem Grund nicht nur das Risiko für die Erkrankung am Reizdarmsyndrom, sondern auch für stressassoziiertes Verhalten. Angsterkrankungen, depressive Verstimmungen und kognitive Funktionseinbußen (Foster & Neufeld, 2013).

 

Kannst du dir vielleicht jetzt vorstellen, warum wir Reizdarmbetroffenen so häufig auch unter Ängsten und Depressionen leiden? Kleiner Teaser: RDS-Leidende sind oft von massiver Dysbiose des Mikrobioms betroffen (u.a. Cremon und Kollegen, 2010). Doch dazu mehr Informationen bei den Ursachen unserer Erkrankung.

 

Ein weiterer früh erforschter Pathomechanismus, welcher direkt mit der Hirn-Darm-Achse zusammenhängt ist die so genannte viszerale Hypersensitivität beim Reizdarmsyndrom. Diese besagt, dass RDS-Patienten auf die gleichen Reize (etwa Gasbildung im Darm) mit deutlich stärkeren Schmerzen reagieren, als gesunde Vergleichspersonen (Greenwood und Kollegen, 1996). Kappt man die Hirn-Darm-Achse über den Mediator Darmbakterien, dann verschwindet interessanterweise auch diese niedrigere Schmerzschwelle.

 

Die ersten Krankheitsmechanismen des Reizdarmsyndroms waren also entdeckt und so begann sich die Sicht auf die Erkrankung langsam aber sicher zu wandeln. Außerdem vertraten andere Forschergruppen die These, dass das Reizdarmsyndrom lediglich ein Oberbegriff für nicht diagnostizierte bzw. noch nicht diagnostizierbare Störungen sei. In dieser Zeit entstanden dann auch heute noch verbreitete Konzepte, wie:

  1. Candida-Infektion des Darms (Erdogan und Kollegen, 2015 vorher hauptsächlich in Naturmedizin vertreten)
  2. Histaminintoleranz (Anderson, 1984)
  3. Gallensäureverlustsyndrom (Sickinger, 1969)
  4. Bauchspeicheldrüsenschwäche (Leeds und Kollegen, 2009)
  5. Fruktosemalabsorption (Melchior und Kollegen, 2014)
  6. Laktosemalabsorption (Farup und Kollegen, 2010)
  7. Nahrungsmittelallergien (Mekkel und Kollegen, 2005)

Doch ganz gleich, ob es sich nun um ein nicht diagnostiziertes alternatives Störungsbild handelte, oder ob Krankheitsmechanismen wie eine Hirn- und Mikrobiombeteiligung diskutiert wurden, die Diagnose Reizdarmsyndrom erhielt in der Fachwelt einen neuen, ernsthafteren Stellenwert. Es sollte allerdings noch bis zur Jahrtausendwende dauern, bis eine wahre "Renaissance" der Reizdarmwelt eingeläutet wurde (Chang und Kollegen, 2016). Und leider hat sich diese Kehrtwende immer noch nicht bis in die letzten Arztpraxen ausgebreitet ...

 

Ein weiterer wichtiger Schritt für uns Patienten war die Unterteilung in verschiedene Reizdarmsubtypen, denn diese gehen mit unterschiedlichen Problemen, Symptomen, Krankheitsmechanismen und natürlich auch Behandlungen einher.

  1. Reizdarmsyndrom mit überwiegend Durchfall (IBS-D)
  2. Reizdarmsyndrom mit überwiegend Verstopfung (IBS-C)
  3. Reizdarmsyndrom mit Durchfall und Verstopfung im Wechsel (IBS-A)
  4. Reizdarmsyndrom ohne Stuhlbeschwerden, aber mit Schmerzen (IBS-U oder selten IBS-P)
  5. postinfektiöses Reizdarmsyndrom (Unterkategorie von IBS-D: PI-IBS)

Ich hoffe, dass du jetzt verstehen kannst, woher der oft verzerrte Blick der Gesellschaft auf unsere Erkrankung kommt? Was, du hast noch nicht genug und möchtest gern erfahren, was es mit dieser Renaissance auf sich hat? Na gut, dann lass uns nicht lange warten und deinen Wissensdurst stillen!

 

Für Lesefaule: Zusammenfassung von Kapitel I

Warum Ärzte und Heilpraktiker so oft bei der Therapie des Reizdarms scheitern

Obwohl wir heute viel mehr über das Reizdarmsyndrom wissen, als im letzten Jahrzehnt, stoßen Ärzte und Heilpraktiker bei der Therapie der Störung noch immer an ihre Grenzen. Dies hat verschiedene Gründe.
Obwohl wir heute viel mehr über das Reizdarmsyndrom wissen, als im letzten Jahrzehnt, stoßen Ärzte und Heilpraktiker bei der Therapie der Störung noch immer an ihre Grenzen. Dies hat verschiedene Gründe.

Heute kann man getrost sagen bzw. schreiben, dass schon sehr viel Licht ins große Dunkel unserer Erkrankung gebracht wurde. Wie, du möchtest mir da widersprechen? Ach ich verstehe. Du argumentierst, dass wenn dem so wäre, den Patienten doch effektiv geholfen werden könnte. Und du hast, genau wie ich und viele andere Betroffene auch, eine ganz andere, nahezu gegensätzliche Erfahrung gemacht. Das ist ein gutes Argument, welches nicht leicht zu entkräften sein wird. Doch vielleicht kann ich dir ja aufzeigen, warum beide Behauptungen in Wahrheit Tatsachen sind. Wissenschaftler und viele Patienten wissen heute um Dinge wie die Dünndarmfehlbesiedlung, die Mastzellmediatoren, Mikroentzündungen und Veränderungen im Serotoninstoffwechsel, doch für viele praktische Ärzte sind diese Dinge noch Neuland, oder sogar die sprichwörtlichen "böhmischen Dörfer".

 

Bevor wir beginnen, möchte ich aber gern noch erwähnen, dass die folgenden Behauptungen natürlich nicht auf alle Ärzte und Naturmediziner zutreffen. Es gibt unter beiden Gruppen natürlich sehr gute und für uns hilfreiche Vertreter. Aber aus eigener Erfahrung und den zahlreichen Zuschriften meiner Leser und Zuschauer weiß ich eben auch, dass es mindestens genauso viele Vertreter dieser Zunft gibt, welche - nunja, sagen wir einfach mal ahnungslos sind, oder eher am Geld verdienen interessiert, als an der Gesundheit ihrer Kunden. Ich nutze hier bewusst nicht das Wort Patienten.

 

Drossman und Kollegen erfassten in ihrer Umfrage an knapp 2.000 Reizdarmbetroffenen auch deren Zufriedenheit mit Ärzten und anderen Aspekten der Therapie (Drossmann und Kollegen, 2009). Über alle Faktoren der Behandlung hinweg waren immerhin über ein Drittel der Patienten überhaupt nicht zufrieden mit den Umständen und Angeboten. Speziell nach der Ärzteschaft befragt, bekundeten dann schon knapp 50% ihren Unmut. Hier muss noch einmal besonders vermerkt werden, dass es sich um eine Umfrage in den USA handelte, wo dem Reizdarmsyndrom weit mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als im deutschsprachigen Raum und wo zum Zeitpunkt der Befragung bereits Medikamente der neuesten Generation wie Tegaserod und Alosetron zur Verfügung standen. Dennoch waren viele Patienten unzufrieden mit dem Management ihrer Erkrankung seitens des Gesundheitssystems. Sayuk und Kollegen berichten, dass nur 20% ihrer befragten Reizdarmbetroffenen zufrieden mit ihrer Behandlung sind (Sayuk und Kollegen, 2017).

 

Wir können also festhalten, dass es ein hohes Maß an Unzufriedenheit der Patienten mit ihren behandelnden Ärzten und den angebotenen Therapieoptionen gibt. Doch wie kommt es nun zu diesem Unmut? Meiner Meinung nach müssen wir hier einen klaren Strich ziehen zwischen der Schulmedizin und der Naturheilkunde und Erfahrungsmedizin.

 

Ach, Sie können essen und machen was sie wollen! Das hat sowieso keinen Einfluss auf ihren Reizdarm.

Leider scheinen viele deutsche Schulmediziner bei ihrer Betrachtung des Reizdarmsyndroms tief im vorigen Jahrtausend stecken geblieben zu sein. Das Mikrobiom und die Rolle von Infektionen spielen für sie kaum eine Rolle.
Leider scheinen viele deutsche Schulmediziner bei ihrer Betrachtung des Reizdarmsyndroms tief im vorigen Jahrtausend stecken geblieben zu sein. Das Mikrobiom und die Rolle von Infektionen spielen für sie kaum eine Rolle.

Wenn es dir recht ist, würde ich ganz gern mit der Schulmedizin beginnen. Grundsätzlich bemängele ich drei Aspekte bei der klassischen Behandlung des Reizdarmsyndroms durch Allgemein- und auch einige Fachärzte.

 

Viele Mediziner scheinen bezüglich ihrer Ansichten über das Reizdarmsyndrom als Erkrankung noch ganz tief im vergangenen Jahrtausend zu stecken. Unterhält man sich mit einigen Vertretern, dann scheinen diese tatsächlich noch nie etwas von der Rolle des Serotoninstoffwechsels, oder der Mastzellen bei der Entstehung und Aufrechterhaltung des Reizdarms gehört zu haben. Für einige von ihnen gilt sogar noch die Kategorisierung als "funktionelle" oder gar "psychosomatische" Erkrankung. Die Patienten werden wie in den vergangenen Jahrzehnten üblich als "neurotisch" oder "übertreibend" charakterisiert. Diese Heuristik wirkt sich natürlich deutlich auf den Umgang mit den Patienten aus. "Warum tun Sie sich denn das an? Was Sie essen oder nicht hat ohnehin keinen Einfluss auf Ihren Reizdarm!" oder "Sie dürfen sich einfach nicht immer so aufregen, Herr S. Lassen Sie die Dinge nicht mehr so nah an sich ran und Sie werden sehen, Ihr Darm beruhigt sich mit Ihnen." Hast du solche Sätze auch schon einmal gehört? Das klingt im ersten Augenblick vielleicht nicht zu problematisch, eher etwas paternalistisch und verharmlosend, aber mit diesen Formulierungen geht natürlich eine Bewertung einher. Sie sind nicht wirklich krank und nur Sie selber oder ein Psychotherapeut kann Ihnen helfen. Aus diesem Grund kommt es häufiger vor, dass den Patienten sinnvolle diagnostische und therapeutische Optionen vorenthalten werden. Warum sollte ein Arzt auch auf eine Dünndarmfehlbesiedlung untersuchen und gegebenenfalls mit Rifaximin behandeln, wenn er die "wahre" Ursache des Reizdarms zwischen unseren Ohren vermutet? Ich finde es erschreckend, dass viele Patienten heute mehr über den aktuellen Forschungsstand zum Reizdarmsyndrom zu wissen scheinen als viele praktizierende Ärzte. Auch die Beeinflussung durch die Pharmaindustrie ist durch die verbreitete Unwissenheit erheblich. So schieben zahlreiche Ärzte ihren Patienten Proben gut vermarkteter Probiotika zu, welche auf lediglich eine qualitativ eher minderwertige Studie als Wirksamkeitsnachweis verweisen, während wissenschaftlich erwiesenermaßen effektive und dazu noch kostenlose Therapieverfahren wie eine Reduktion der FODMAPs verschwiegen werden oder gar nicht erst Einzug in die Praxen halten.

 

Den Schulmedizinern fehlt häufig auch der Blick über den Tellerrand. Alles, was nicht pharmakologisch wirkt, hat für viele Ärzte auch keinen wirklichen Nutzen für Erkrankungen. Und besonders schlimm wird es, wenn Konzepte oder Therapieverfahren zuerst in der Naturheilkunde oder Alternativmedizin vertreten wurden. Wie oft solche medizinischen Konzepte erst bekämpft, bespuckt oder belächelt wurden, nur um sie nach ersten Studien erneut auszugraben und ganz neu zu erfinden, kann ich kaum noch zählen. So erging es der Histaminintoleranz, der Speziellen Kohlenhydratdiät (SCD) mit ihrem Grundgedanken der Fehlbesiedlung des Dünndarmes, dem "Leaky Gut", der nicht-Zöliakie-assoziierten Glutenunverträglichkeit, der Pilzinfektion des Darmes usw. Und weil sich ein Großteil der Ärzte an ihren althergebrachten Konzepten festhalten, therapieren sie leider auch heute noch an den Symptomen des Reizdarmsyndroms herum, anstatt sich diesen zentralen Pathomechanismen endlich zuzuwenden und ihren Patienten tatsächliche Erfolge zu gewähren.

Das Reizdarmsyndrom ist eine heterogene und sehr komplexe Erkrankung. An vorderster Stelle muss deshalb eine umfassende und individuell-abgestimmte Diagnostik stehen. Die Therapie einer biopsychosozialen Erkrankung muss auf mehreren Ebenen erfolgen und sich vor allem gegen die Ursachen richten. Ein singuläres Vorgehen, z.B. das Eindämmen des Durchfalls mit Antidiarrhoika ist weder ganzheitlich, noch langzeitig vielversprechend. Hier wäre ein Umdenken und eine neue Offenheit gegenüber Ideen gefragt, welche viele Patienten schon heute für sich nutzen. Wie kann es sein, dass tausende Darmpatienten die SCD lange Jahre als Heilsbringer feierten, während die Ärzte davon als "Humbug" abrieten? Hätte es die Studien zur Wirksamkeit und zum Mechanismus auf das Mikrobiom aus den Jahren 2014 bis 2017 schon eher gegeben, hätte man dadurch noch viel mehr Menschen helfen können, welche sich durch die Aussagen ihrer Ärzte verunsichert fühlten.

 

Mit der Diagnosestellung "Reizdarmsyndrom" ist es für viele Ärzte leider getan.